"Dreimal niederknien" vor Seehofer

Solche Gäste wünscht sich jeder Gastgeber. Horst Seehofer sitzt in der ersten Reihe des CSU-Parteitags, vor ihm am Rednerpult hat sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zu seinem Grußwort aufgebaut.

Er begrüße "den Ministerpräsidenten, vor dem ich dreimal niederknien möchte". Als sich Heiterkeit breit macht im Auditorium, legt Juncker nach: "Ja, das mag er." Und weil der Luxemburger Christdemokrat gerade so in Schwung ist, betont er noch, dass von Bayern aus entsandte Politiker "immer europäische Staatsmänner waren".

Auch wenn in Juncker ein kleiner Filou steckt, so viel Würdigung haben Horst Seehofer und seine CSU zuletzt nicht erfahren. Kübelweise Spott war über die Partei ausgeschüttet worden für ihre ungelenke Forderung nach einer umfassenden Deutschsprechpflicht für in Bayern lebende Ausländer. Seehofer versucht schon vor Beginn des Parteitags, dieser Debatte die Wucht zu nehmen.

Mit der Umformulierung, wonach man Zuwanderer nun zum Gebrauch der deutschen Sprache in allen Lebensbereichen motivieren wolle, habe man den Satz so geändert, "dass er nicht missverstanden werden kann". Er sei ohnehin nie anders gemeint gewesen, behauptet Seehofer. Der Parteitag nimmt den Leitantrag dann ohne lange Aussprache an. Der nach einer schweren Grippe genesene Seehofer gönnt sich einen ruhigen ersten Parteitagstag. Er besucht die Fachforen, schlendert durch die Reihen, gibt hier und da ein Interview. Seinen großen Redeauftritt hat er erst heute.

So plätschert der Parteitag gemächlich vor sich hin. Als die Delegierten kurz davor sind, sich gänzlich dem Geschehen auf der Bühne zu entziehen, sorgt die Kanzlerin für neuen Schwung. Von einer nach dreitägiger Haushaltsdebatte offenbar noch etwas derangierten Landtagspräsidentin Barbara Stamm wird sie freudig als "Dr. Angelika Merkel, die Vorsitzende der Christlich-Sozialen Union" angekündigt.

Harmonische Merkel

Die CDU-Chefin nimmt es unkommentiert hin, sie ist - anders als auf manch früherem CSU-Parteitag - ganz auf Harmonie getrimmt. Zur Frage von Sprache und Integration sagt Merkel kein Wort, dafür stellt sie sich beim Länderfinanzausgleich ganz hinter die CSU-Forderung nach einer Entlastung des Hauptzahlers Bayern. "Am Ende darf nicht der sparen müssen, der am meisten in das Solidarsystem einzahlt", warnt sie vor der Überforderung des Freistaats.

Auch bei der Ausländermaut zeigt sie sich kooperativ - wenn auch nicht ganz freiwillig. "Horst hat gesagt, ich soll das hier sagen", also dass sie kommen wird, diese Gebühr für "nicht-inländische Kfz-Betreiber-Kraftfahrzeuge", wie sich Merkel um die Formulierung Maut für Ausländer herumstopselt. Es sei denn, es ergäben sich noch "ganz neue Aspekte". Ansonsten gelte: "17. Dezember, 9.30 Uhr - eine gute Chance für Maut." Da tagt das Bundeskabinett. In einer Nuance setzt sie aber doch einen etwas anderen Akzent als Seehofer. "Der Ausstieg aus der Atomenergie kann nicht ohne jeden neuen Leitungsausbau stattfinden", betont Merkel. Man brauche diesen für vernünftige Lösungen bei der Versorgungssicherheit. Das schreckt den Trassengegner Seehofer dann doch in seinem Regenerationsmodus auf.

Als Merkel nach 40 Minuten zu Ende kommt, klettert Seehofer zu ihr aufs Podium und betont für diese Frage ultimativ: "Es gibt keinen Dissens zwischen uns!" Merkel legt den Kopf schief und zieht eine Schnute. So sehr vereinnahmen lassen möchte sich die Kanzlerin dann doch nicht vom CSU-Chef. Am Ende einigt man sich auf die Formulierung, dass nicht jede Trasse so kommen werde, wie sie einmal geplant gewesen sei.

Den Frieden stellt anschließend das Nürnberger Christkind wieder her. Es überreicht Merkel im Namen der CSU einen Präsentkorb mit Nürnberger Spezialitäten. Seehofer bekommt nichts. "Mein Geschenk bekomme ich vom Christkind Markus Söder", kündigt er an. Eine vieldeutige Aussage, die wohl unbedingt noch hat sein müssen. Söder jedenfalls ist überrascht. "Ich hab noch gar keinen Wunschzettel vom Horst bekommen", erklärt er mäßig amüsiert. Damit ist der "Tagesordnungspunkt schöne Bescherung" endgültig abgehakt, wie Sitzungsleiter Joachim Herrmann geschäftsmäßig feststellt und damit zur Antragsberatung auf diesem "Arbeitsparteitag" überleitet.
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