Duz-Freunde nicht entlastet

Der verurteilten Dreifachmörder Roland S. zeigt im Landtag Fotos seiner Automodelle. Bild: dpa

Brisanter Zeugenauftritt im Untersuchungsausschuss zum Fall Haderthauer: Roland S., ohne dessen Modellbau-Talent es die ganze Affäre nicht gegeben hätte, belastet das prominente Ehepaar - und wirft neue Fragen auf.

Der Landtag hat schon einige Menschen mit krimineller Vergangenheit gesehen. Betrüger und Geldwäscher, Steuerhinterzieher und Meineidleister, Sachbeschädiger und Körperverletzer. Aber einen Dreifachmörder, der seine Opfer auch noch grausam verstümmelte? Gut, die Taten sind über drei Jahrzehnte her, aber schaurig ist es trotzdem, als Roland S., dem ein Gutachter einmal eine "schwere seelische Abartigkeit" attestierte, den Konferenzsaal des Maximilianeums betritt.

Zwei Polizeibeamte führen ihn vor. Er trägt eine ausgewaschene Jeans und ein graues Hemd, aber keine Handschellen. S. kommt auch nicht in eigener Sache. Er ist als Zeuge im Untersuchungsausschuss "Modellbau" geladen, der das fragwürdige Engagement der früheren Ministerin Christine Haderthauer (CSU) bei der Firma "Sapor Modelltechnik" klären soll. 76 Jahre alt ist Roland S. inzwischen, er tritt drahtig und geistig hellwach vor den Ausschuss. Über 20 Jahre lang war er der wichtigste Mitarbeiter von "Sapor". Aus Frust über stupides Tütenkleben in der Anstalt kam er auf die Idee, in der Arbeitstherapie hochwertige Automodelle im Maßstab 1:8 nachzubauen. Der gelernte Stahlbauschlosser fertigte die Planskizzen, er kümmerte sich um die Materialbeschaffung, er leitete die bis zu 14 Mitarbeiter in der Werkstatt der geschlossenen Abteilung im BKH Ansbach an, wo alles anfing. "Ich war vom ersten Bleistiftstrich bis zum Werkstattkehren überall involviert", berichtet S. nicht ohne Stolz und zeigt den Abgeordneten Skizzen und Fotos von seinen Automodellen und der Fertigungsstätte.

Faszinierende Margen

Der zweite Mann, ohne den es den Modellbau hinter Gittern nie gegeben hätte, ist nach den Aussagen von S. Hubert Haderthauer gewesen, der Mann der späteren Ministerin. Er war Anfang der 90er Jahre der für S. zuständige Stationsarzt in Ansbach. Er hat demnach die Angelegenheit forciert und sich - offenbar von den Gewinnmargen der exklusiven Liebhabermodelle fasziniert - schnell auch ums Geschäftliche gekümmert. Unbedingt habe Haderthauer an der Firma beteiligt sein wollen, seine Frau Christine - damals noch Rechtsanwältin, die auch Insassen des BKH Ansbach vertrat - sei Geschäftsführerin bei "Sapor" geworden.

Dass die Beteiligung der Haderthauers ein "von Idealismus geprägtes Engagement finanzieller Art" gewesen sei, wie die Ministerin Haderthauer vergangenen Sommer kurz vor ihrem Rücktritt erklärt hatte, kann S. nicht bestätigen. Natürlich sei es ums Geschäft gegangen, betont S. und berichtet von dem Druck, den Hubert Haderthauer immer wieder aufgebaut habe, damit Modelle schneller fertig würden und an die potenten Kunden ausgeliefert werden könnten.

"Manchmal hat er Fahrzeuge weggeholt, da war die Farbe noch nicht richtig trocken", erinnert sich S. Und dann beteuert er, dass ihm Christine Haderthauer im Januar 2000 bei einem Restaurantbesuch das Du angeboten habe. "So war es", weist er den Vorhalt zurück, diese könne sich an all das nicht mehr erinnern.

Skurril werden die Aussagen von S. immer dann, wenn er über die Zustände im BKH Ansbach erzählt, und noch skurriler wird die Szenerie, als während einer dieser Passagen Gustl Mollath den Saal betritt. Auch der war lange Psychiatrie-Insasse mit einschlägigen Erfahrungen und saß vor genau drei Jahren in "seinem" Untersuchungausschuss auf dem selben Platz wie jetzt S. Wie der erzählt, dass es in Ansbach keine Therapiepläne für die psychisch auffälligen Insassen gegeben habe, dass er regelmäßig von einem in seinen Mordfällen ermittelnden Kripo-Beamten zu privaten Treffen mit Haderthauer und seinen Geschäftspartnern abgeholt worden sei, dass diese praktisch ungehinderten Zugang zur "Geschlossenen" gehabt hätten, fühlt sich Mollath in seinen Erfahrungen bestätigt.

Keine Belege

Politisch am brisantesten ist aber der Vorgang aus dem Herbst 2008, Christine Haderthauer war da gerade Sozialministerin geworden - zuständig für die psychiatrischen Einrichtungen in Bayern. Damals, so berichtet S., seien ihm im BKH Straubing - dorthin waren er und seine Produktion inzwischen verlegt worden - sämtliche handschriftliche Aufzeichnungen zu "Sapor" und den Geschäftsbeziehungen abgenommen worden. Aufgetaucht seien sie trotz mehrmaliger Nachfrage nicht mehr, sie gelten auch dem Ausschuss als verschollen. Bei der Opposition glaubt man nicht, dass das zeitliche Zusammentreffen mit der Ministerernennung Zufall ist, Belege dafür geben die Akten aber nicht her. Seine verbliebenen Unterlagen packt Roland S. nach fast fünf Stunden Befragung wieder in die mitgebrachte Plastikklappbox. Entlastet hat er seine früheren Duz-Freunde Hubert und Christine nicht.
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