Ehemalige Grenzschützer erinnern sich
Auf Umwegen in die ersehnte Freiheit

Ein Foto, das Geschichte schrieb: Den Koffer in der rechten Hand und ihren Nachwuchs an der linken, geht eine junge Frau aus der DDR hinaus in eine neue Welt. Der Grenzschützer hat den Schlagbaum gehoben, er winkt freundlich. Ein bewegender Moment.
 
Und dann war es geschafft: Auf dem Schwandorfer BGS-Parkplatz reihte sich Trabi an Trabi, wurden gelegentlich auch Ladas abgestellt. Das ging über viele Tage hinweg so. Die Karawane wollte einfach kein Ende nehmen. Bilder: Götz

Das blecherne Scheppern der Zweitaktermotoren ist bis heute im Gehör geblieben. Sie kamen aus allen Himmelsrichtungen, hatten teilweise Strecken durch halb Europa zurückgelegt. "Der ganze Parkplatz war voller Trabis", erinnern sich ehemalige Grenzschützer, die damals lange Karawanen aus dem Osten in Empfang nahmen.

Die Oberpfalz im Oktober 1989. Dem Honecker-Regime in der DDR liefen die Bürger scharenweise davon. Oder besser: Sie schwangen sich mit Frau, Kindern und notwendigem Gepäck in ihre Autos, gaben Gas und starteten durch in ein neues Leben.

"Kommode auf Rädern"

Manche von ihnen mussten Wege in Kauf nehmen, die schier unglaublich anmuteten. 2000 Kilometer und mehr. "Wir sind erst durch Polen, waren in der Sowjetunion, haben Ungarn und Österreich durchquert", schilderte eine junge Frau am 16. Oktober 1989 dem NT-Reporter. Sie hatte mit ihrer Familie die Herbstferien genutzt, um in den Westen zu gelangen. In Schwandorf, Nabburg, Weiden schlugen die Trabanten wie auf einem neu entdeckten Planeten serienweise ein. Knatternd, tuckernd, manchmal auch schon aus dem berühmten letzten Loch pfeifend.

Die Insassen hatten jedes Schlagloch gespürt, sie saßen zusammengedrängt in ihren eher bescheidenen Fortbewegungsmitteln. "Eine Kommode auf Rädern", wie manche lästerten. Doch als sie dann endlich, nach oft langen Odysseen die Tore von BGS- und Bundeswehrunterkünften passierten, fiel alle Anspannung von ihnen ab. Es war geschafft: "Goodbye Lenin!"


In Weiden, Nabburg und Schwandorf, wo am 1. Oktober 1989 auch schon Züge mit Flüchtlingen aus der Prager Botschaft eingetroffen waren, wurde abermals zum Großeinsatz geblasen. Rund um die Uhr kamen Menschen aus dem anderen Teil Deutschlands. Sie wurden registriert, bekamen eine finanzielle Starthilfe, erhielten auch Benzingutscheine. Was sich dann aus solchen Situationen formte, war ein Bild, das beispielsweise älteren Schwandorfern bis heute im Gedächtnis geblieben ist: Vor einer Tankstelle an der Wackersdorfer Straße stauten sich Trabis in langen Kolonnen bis weit auf die Fahrbahn hinaus. Manche fuhren sofort weiter, andere blieben nach den Strapazen der Flucht über Nacht, um dann ins 270 Kilometer entfernte Hammelburg zu einem sogenannten Aufnahmeverfahren zu reisen.

Die Betreuungs-Teams ließen es an nichts fehlen: Essen, Getränke, Quartier, Textilien aus einer eigens errichteten BRK-Kleiderkammer. Warum Hammelburg? Aufnahmelager in Weiden und Schwandorf hatten in diesen turbulenten Tagen rasch die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit erreicht. Am 16. Oktober 1989 war die BGS-Unterkunft auf dem Schwandorfer Weinberg voll belegt, wurde auch aus Weiden gemeldet: "Ausgebucht." Also weiter nach Unterfranken. "Darauf kommt es nun auch nicht mehr an", ließen viele erkennen und machten sich mit vollem Tank auf die Weiterfahrt.

Autoschilder im Abfall

Tage und Nächte, die keiner vergisst, der damals dabei war. Säuglinge, die im Trabi ihr Fläschchen bekamen. Im Abfallkorb gelandete DDR-Schilder und ein Autoaufkleber, auf dem man lesen konnte: "Der Sachse liebt das Reisen!" Und dann war da noch diese Frau, an deren Hand die kleine Tochter ging, als sie mit einem Kunstlederkoffer die Grenzschutzunterkunft in Schwandorf zu Fuß verließ. Ziel unbekannt. Aber ganz gewiss ohne Schikanen, Bevormundung, Planerfüllung und Stasi-Terror. Der diensthabende Beamte öffnete die Schranke und winkte. Die junge Mutter im Trenchcoat strahlte. Eine Begebenheit am Rande. Doch welch ein ergreifender Moment für alle, die das Glück hatten, ihn beobachten zu dürfen.
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