Ein großes Vorbild

Wer sich mit der Blues- und Rock-Szene von Irland beschäftigt, kommt bei seinen Erkundungen zumindest an einer Person niemals vorbei: Rory Gallagher. Seinen Durchbruch schaffte er mit dem Trio "Taste".

Der Mann aus dem kleinen Ort Ballyshannon im äußersten Westen der grünen Insel, aufgewachsen in Irlands zweitgrößter Stadt Cork, ist bis heute - 20 Jahre nach seinem frühen Tod - eine von Kollegen wie Millionen Fans tief verehrte Gitarren-Ikone. Selbst der aktuelle irische Präsident Michael D. Higgins hat ein Porträtfoto von Gallagher an seiner Bürowand hängen und schwärmte von ihm kürzlich mit den Worten: "Rorys Rolle in der Geschichte des irischen Blues und Rock kann gar nicht wichtig genug eingeschätzt werden."

Dem so Gehuldigten wäre das Aufsehen um seine Person zutiefst peinlich gewesen. Rory Gallagher war ein introvertierter, beinahe scheuer Zeitgenosse, geradlinig, integer und unprätentiös bis zu seinem Ende, der auf sich und seine Persönlichkeit keine großen Stücke setzte. So schildern ihn überzeugend etliche seiner Wegbegleiter. Nur auf der Bühne wurde der stille Charakter während seiner meist zweieinhalbstündigen Konzerte regelmäßig zum Berserker. "Bewaffnet" mit seiner legendären "Fender Stratocaster" des Baujahrs 1961, deren Korpus im Laufe der Zeit durch den intensiven Gebrauch des Instruments mehr und mehr wie die Klampfe eines abgerissenen Straßenmusikers wirkte, schoss er grimmige, hitzige Blues-Rock-Salven ab, die in ihrer Intensität bis heute ihresgleichen suchen.

"Rory hat seine Arbeit und ganz generell die Musik, die er spielte, nie groß definiert", erzählt der jüngere Bruder Donal Gallagher. "Letztlich meinte er nur lapidar, dass Musik tief aus dem eigenen Inneren kommen muss, dann geht sie auf alle Fälle in Ordnung."



Donal Gallagher ist eine Art Nachlassverwalter des Werks seines Bruders. Der 65-jährige entspannte Zeitgenosse, der nach wie vor in Cork zu Hause ist, kümmert sich mit seinem Sohn Daniel darum, dass mit Gallaghers Werk kein Schindluder getrieben wird. "Diesen Einsatz bin ich Rory schuldig", meint Donal, "denn wir beide standen uns extrem nahe. Außerdem war er ein großes Vorbild, hat mich mit sanfter Entschlossenheit erzogen, mir Kino-Filme und natürlich Musik näher gebracht. Vor allem aber hat er sich darum gekümmert, dass Freundlichkeit meine Haupttugend im Leben wird."

Gerade hat Donal zusammen mit seinem Filius - der übrigens gleichfalls ein anerkannter Blues-Gitarrero ist - im Auftrag der Plattenfirma "Polydor" die schmucke 4-CD-Box "I'll Remember" zusammengestellt. Darauf zu finden ist das eher schmale Oeuvre von Rorys Trio Taste, das zwischen 1966 und 1970 in zwei unterschiedlichen Besetzungen existierte und an Silvester 1970 eine vielumjubelte letzte Show in einem Belfaster Club absolvierte. Danach ging man getrennte Wege, Rory startete seine Solo-Karriere, in der er mehr als 30 Millionen Tonträger absetzte.

Taste haben regulär zwei Studio-Alben und einen Live-Mitschnitt veröffentlicht. Die sind auf "I'll Remember" in bestechender, digital remasterter Version wieder zu entdecken. Dazu gesellen sich etliche kaum bekannte oder gänzlich unveröffentlichte Stücke, Konzertaufnahmen und Demos. Über dem Blues-Rock-Anhänger wird ein Füllhorn an brachialen, urwüchsigen, bis zum Bersten mit Energie gefüllten, technisch virtuosen Noten und Improvisationen ausgeschüttet. Ein rudimentärer Klangkosmos wird errichtet, der selbst Koryphäen wie Muddy Waters oder Jimmy Page von Led Zeppelin erschaudern und regelmäßig in den höchsten Tönen loben ließ.

Blues und irische Musik

"Es gibt eindeutige Parallelen zwischen dem Blues und traditioneller irischer Musik, die hatte Rory bereits zu Taste-Zeiten erkannt, miteinander vereint und diese Kombination während seiner Solo-Jahre zur Vollendung gebracht", erklärt Donal Gallagher. "Was die beiden verbindet, ist eine existenzielle Melancholie, gepaart mit der hohen Kunst der Improvisation. Rory war ein Mönch im Orden des Blues-Rock - und die Gitarre seine Hohepriesterin. Er war diesem Instrument total verfallen. Gegen sie hatte selbst die schönste Frau der Welt keine wirkliche Chance. Er spielte die sechs Saiten seit seiner Kindheit jeden einzelnen Tag seines Daseins."

Rohdiamanten zu bestaunen

Warum es essenziell ist, "I'll Remember" in seine Plattensammlung einzureihen? "Hier gibt es Rohdiamanten zu bestaunen", ist Donal überzeugt, "erst durch sie erschließt sich das Gesamtwerk meines Bruders." Ein viel zu kurzes Gesamtwerk, denn Rory Gallagher starb am 14. Juni 1995 mit nur 47 Jahren an den Folgen einer Transplantation der Leber, die aufgrund seines massiven langjährigen Alkoholmissbrauchs notwendig geworden war.

"Ich war völlig geschockt und auch verwundert, als ich von seinem Tod erfuhr", sinniert Donal Gallagher bis heute. "Doch sein Immunsystem muss total hinüber gewesen sein, wie mir die Ärzte nach Rorys Ableben mitteilten. Er selbst hat sich seine Schmerzen nicht groß anmerken lassen. Doch als gläubiger Christ bin ich überzeugt, dass mein Bruder jetzt in einer anderen Sphäre Gitarre spielen wird, bis in alle Ewigkeit. Er kann ja gar nicht anders..."

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.rorygallagher.com
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