Einblick ins Seelenleben

"Ankommen" auf der einen, "Empathie" auf der anderen Seite - darin sieht Christina Lux die Eckpfeiler nicht nur ihrer Lieder, sondern ihrer Existenz ganz allgemein. "Außerdem", stellt die aparte Künstlerin entspannt fest, "verliere ich mich regelmäßig und liebend gerne in Tagträumereien. Die erleichtern mir den schnöden Alltag und inspirieren mich immer wieder zu neuen Stücken."

Die 50-jährige gebürtige Karlsruherin, die seit längerem in der Domstadt Köln zu Hause ist, darf man als Liedermacherin im klassischen Sinn sehen, die das Singer/Songwritertum richtiggehend lebt: Sie will möglichst wenig Zeit im Studio verbringen, stattdessen möglichst oft raus und auf jede Bühne stapfen, die man ihr anbietet. Unter diesen Umständen verwundert es nicht, dass "Embrace" (Focus/Rough Trade), ihr aktuelles Album, bereits das vierte Live-Werk in ihrer Karriere ist.

"Live-Momente für einen Tonträger einzufangen, das hat für mich die größte Intensität, wenn man sich als Vollblut-Musiker betrachtet", schwärmt die zierliche Person. "Ich bin eine - wenn auch etwas verhuschte - Rampensau. Auf der Bühne stehe ich jedes Mal aufs Neue ohne Netz und doppelten Boden da. Das ist immer wieder beängstigend. Vor allem aber fühlt sich jeder Auftritt wie schwereloses Fliegen an."



An dieser Stelle schleichen sich wieder "Ankommen" und "Empathie" ins Spiel. Denn tatsächlich, so sieht es zumindest Christina Lux, "fühle ich mich jedes Mal zu Hause, wenn ich ein Konzert spiele. Und ich versuche jedes Mal, dem Publikum Einblick in mein innigstes Seelenleben zu gewähren. Bei mir steht am Anfang jedes Liedes das Wort", beteuert sie, "das ist die Basis. Dann erst gesellt sich die Musik dazu. Wobei das gar nicht so schwierig ist. Denn sobald ich die Worte gefunden habe, die zueinander passen, steckt in denen eh ein gewisser Grundrhythmus. Der Rest ist Handwerk, wenn auch ein sehr emotionales."

Mehr und mehr nähert sich die Karlsruherin, die seit 1983 als Musikerin aktiv ist, der Heimatsprache an, während sie zu Beginn ihrer Karriere ausschließlich auf Englisch textete. "Das bedurfte einer langen Entwicklungsphase, ehe ich Lust hatte, Deutsch zu singen. Es war mühselig, da ich eine ziemliche Perfektionistin bin, wenn es um meine Arbeit geht. Aber es war auch spannend. Und alles was spannend ist, reizt mich umso mehr. Daher ging ich die Sache an.

Tiefere Bedeutung

Bei jedem Wort, das ich auf Deutsch schreibe, steckt für mich eine tiefere Bedeutung dahinter. Für mich ist es viel intensiver und anstrengender, im eigenen Idiom zu komponieren, als in einer fremden Sprache. Eigentlich bin ich ja ein fauler Mensch", lacht Christina Lux, "aber doch nicht faul genug, um nicht an die Essenz von Worten rankommen zu wollen. Offensichtlich besitze ich zumindest ein kleines bisschen Ehrgeiz."

Auf "Embrace" befinden sich vier von 14 Stücken, die in Deutsch gehalten sind. "Doch das wird sich ändern mit meiner nächsten Studioplatte, an der ich gerade dran bin, die 2016 erscheinen soll und die komplett in meiner Muttersprache ausfallen wird", erzählt Lux. "Das wird eine echte Herausforderung, die ich allerdings gerne annehme."

Nackt und schutzlos

Ehe es dazu kommt, ist "die weiße Tracy Chapman", wie Christina Lux ob ihrer Authentizität gerne mal genannt wird, wieder auf Tournee, was ihrem Grund-Naturell am besten entspricht. "Live kann ich komplett aus mir herausgehen", meint sie, "mir ist es nach all den Jahrzehnten weiterhin wichtig, dass ich mich während Konzerten wenigstens teilweise meinem Publikum nackt und schutzlos präsentiere. So masochistisch das auf den Außenstehenden klingen mag - für mich ist dieser Akt ein absoluter Befreiungsschlag."

Zu Beginn ihrer Auftritte steht Christina Lux häufig alleine im Rampenlicht. Nach einigen Solo-Einlagen gesellt sich aktuell der Schlagzeuger und Percussionist Bodek Janke dazu. Der gebürtige Pole, der in Deutschland aufgewachsen ist, in New York Musik, unter anderem auch die indische Tabla, studiert hat und aktuell in Berlin lebt, ist laut Lux "ein feinsinniger, vom Rhythmus beseelter Mensch. Wir haben uns - als Musiker, nicht als Liebespaar - gesucht und gefunden, sind kreative Seelenverwandte. Das ist ein höchst erhabenes Gefühl, das man nicht oft vom Dasein geschenkt bekommt."

Im Zentrum des Geschehens eines jeden Gigs steht freilich Christina Lux, gerade weil sie über eine unaufgeregte, aber stets einnehmende Präsenz verfügt. "Zum Glück", kichert sie, "kann ich mich bislang auf mein Gitarrenspiel und vor allem auf meine Stimme verlassen. Gerade meinem Sangesorgan stelle ich regelmäßig neue Aufgaben. Das scheint es zu mögen, habe ich das Gefühl. Deshalb werde ich von ihm jeden Abend tatkräftig unterstützt. Wenn das so bleibt, sehe ich keinen Grund, mir einen anderen Job zu suchen. Ganz richtig - ich bin längst bei mir angekommen."

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.christinalux.de/
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