Eine Frage des Bedarfs

Was bedeutet "pädagogischer Bedarf"? Darüber streiten Kultusminister Ludwig Spaenle und die Opposition wegen der geplante Einführung neunjähriger Züge am Gymnasium. Denn diese Regelung ist nicht für alle Schüler gedacht.

Die geplanten neunjährigen Züge am achtjährigen Gymnasium sollen Schülern mit pädagogischem Bedarf vorbehalten bleiben. Das kündigt das Kultusministerium in einem Brief an die Gymnasien an, über den "Süddeutsche Zeitung" und "Münchner Merkur" (Donnerstag) berichteten. Mit dieser Orientierung am pädagogischen Bedarf könne "nicht gleichzeitig eine Wahlfreiheit" einher gehen.

Das Kultusministerium betonte, mit "pädagogischem Bedarf" seien keineswegs nur schlechte Schüler gemeint, wie die Opposition einmütig kritisierte. Pädagogischer Bedarf besteht demnach laut Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) nicht nur für Schülerinnen und Schüler, "die längere Zeit brauchten, um sich den Stoff zu erschließen". Spaenle bezog ausdrücklich Schüler ein, "die besondere Talente ausprägen wollen, die zum Beispiel für einen längeren Auslandsaufenthalt oder für hohes sportliches oder musisches Engagement mehr Zeit in der Mittelstufe nutzen wollen".

An den Pranger gestellt

Die Opposition schenkt dem keinen Glauben: "Ein paar leistungsschwächere Schüler kommen in eine bessere Wiederholungsklasse und werden damit für ihre Leistungen an den Pranger gestellt, während ihre Klassenkameraden mit den besseren Zensuren zwangsläufig das G8 durchlaufen müssen - mit Stress und zu wenig Zeit neben der Schule", kritisierte SPD-Schulexperte Martin Güll. Die Gymnasien sollen nach dem "Mittelstufe plus"-Plan des Ministeriums nach Bedarf vierjährige neben den dreijährigen Mittelstufezügen anbieten. Somit würde sich für die "Mittelstufe plus"-Schüler die Gymnasialzeit auf neun Jahre verlängern. Die ersten Pilotklassen soll es von nächstem Schuljahr an an ausgewählten Gymnasien geben, ein größeres Angebot ist von 2017/18 an geplant. "Faktisch ist die Mittelstufe plus ein Sitzenbleiben im Klassenverband", monierte der Grünen-Bildungspolitiker Thomas Gehring. Bei den Freien Wählern kritisierte der Abgeordnete Günther Felbinger: "Ich bin entsetzt darüber, was das Ministerium beim Gymnasium wirklich plant und was die CSU gleichzeitig nach außen kommuniziert."

Vorwürfe an Opposition

Spaenle warf der Opposition vor, den Begriff "pädagogischen Bedarf" misszuverstehen. "Die SPD und die Grünen verharren offensichtlich in einer überkommenen pädagogischen Blickweise." Die Grünen sprächen sogar wider besseres Wissen von "Sitzenbleiben". (Angemerkt)
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