Einer der größten deutschen Nachkriegsautoren starb im Alter von 88 Jahren
Siegfried Lenz gestorben - Welterfolg mit der "Deutschstunde"

Siegfried Lenz. (Bild: dpa)

Mit dem Roman «Deutschstunde» schuf Siegfried Lenz einen Welterfolg. Jetzt starb der große Nachkriegsautor im Alter von 88 Jahren. Der Ostpreuße, der nach dem Weltkrieg in Hamburg lebte, setzte sich für Versöhnung mit Polen und Israel ein.

Siegfried Lenz, einer der großen Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur, ist tot. Lenz starb am Dienstag im Alter von 88 Jahren im Kreise der Familie, wie der Verlag Hoffmann und Campe mitteilte. Lenz' wichtigstes Werk ist der in viele Sprachen übersetzte und verfilmte Roman «Deutschstunde» (1968) über die Nazizeit und einen falsch verstandenen Pflichtbegriff. Der Ostpreuße galt aber vor allem als ein Meister der Erzählung.

Dafür stehen humorvolle Bände wie «So zärtlich war Suleyken» (1955) oder «Lehmanns Erzählungen» (1964). Vor drei Jahren (2011) erschien sein letzter Erzählband «Die Maske». Seit Jahren war Lenz gesundheitlich schwer angeschlagen. Bereits auf den Rollstuhl angewiesen, hatte der Autor in den letzten Jahren ein Appartement in einer Hamburger Senioren-Residenz an der Elbchaussee mit freiem Blick auf den Elbstrom. Im September 2013 besuchte er noch das Hamburger Filmfest und sah sich die Verfilmung seiner Kurzgeschichte «Die Flut ist pünktlich an.»

Aufarbeitung als Lebensaufgabe

Neben den Nobelpreisträgern Heinrich Böll und Günter Grass gehörte Lenz zu jenen Autoren, die die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und die Aussöhnung insbesondere mit Polen und Israel als Lebensaufgabe verstanden. Bei einem Festakt zum 85. Geburtstag (17.3.2011) in Hamburg würdigte der damalige Bundespräsident Christian Wulff, wie sehr Lenz zum wiedergewonnenen Ansehen Deutschlands nach dem Krieg beigetragen habe.

Der Börsenverein würdigte Lenz 1988 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Noch im hohen Alter gelang Lenz mit seiner ersten Liebesnovelle «Schweigeminute» ein Bestseller.

Die «Deutschstunde» (1968) gilt als Lenz' Schlüsselwerk zur Aufarbeitung der Nazizeit und historischer Schuld. Darin geht es um einen Vater-Sohn-Konflikt - stellvertretend für die Kriegsgeneration und die rebellierende Folgegeneration - sowie um die fatalen Folgen eines unkritischen Pflichtbewusstseins in der NS-Zeit.

In dem ebenfalls verfilmten Roman «Heimatmuseum» (1978) lässt Lenz die verlorene ostpreußische Heimat literarisch wiederauferstehen und schenkt so zumindest einem Teil der Vertriebenen inneren Frieden. Die Hauptfigur, der masurische Teppichwebermeister Zygmunt Rogalla, verbrennt das von ihm einst gerettete Heimatmuseum, um es vor ideologischem Missbrauch zu retten.

Auch politisch engagierte sich der in der Nazizeit aufgewachsene Autor für die Aussöhnung mit Polen. 1970 begleitete er mit Grass den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrages. Außerdem mahnte Lenz Solidarität mit Israel an, als der damalige irakische Diktator Saddam Hussein den jüdischen Staat mit Raketen bedrohte.

Begnadeter Erzähler

Besonderen Erfolg hatte der begnadete Erzähler mit seinen vergnüglichen Kurzgeschichten. Unvergessen ist sein legendärer Erzählband «So zärtlich war Suleyken» mit humorvollen Geschichten aus Ostpreußen. Publikumserfolge wurden auch «Lehmanns Erzählungen», die amüsant geschriebenen Erfahrungen eines Schwarzhändlers nach dem Zweiten Weltkrieg - Lenz hatte sein Studium in Hamburg selbst mit Schwarzhandel weitgehend finanziert.

Seine Werke sind nach Angaben des Hoffmann und Campe Verlags (Hamburg), dem Lenz seit Beginn seiner schriftstellerischen Arbeit sein Leben lang die Treue hielt, in mindestens 35 Sprachen übersetzt. Die Weltauflage dürfte bei über 30 Millionen liegen. Ein Millionenpublikum fanden die Fernsehverfilmungen «Der Mann im Strom», «Das Feuerschiff» und «Die Auflehnung», jeweils mit Jan Feddersen in der Hauptrolle. Das breite Oeuvre von Lenz umfasst Romane, Erzählbände, Theaterstücke, Hörspiele und Essays - etwa über das Selbstverständnis des Schriftstellers als «Ein-Mann-Partei».