"Elektro-Pionier"

Was auf dem Bild sehr experimentell und verwirrend aussieht, war eigenlich Harmonie pur: (von links) Dieter Moebius, Michael Rother, Hans-Joachim Roedelius als "Harmonia". Bild: Grönland

"Harmonia", das ist die "Supergroup des Krautrock", die von 1973 bis 1976 die Musiker Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius von "Cluster" und Michael Rother von "NEU!" vereinte, wenig später stieß noch Brian Eno dazu.

Was ist das für ein Gefühl, von zahlreichen namhaften Künstlern überall auf der Welt als musikalischer Vorreiter angesehen zu werden? Harmonia-Mitstreiter Hans-Joachim Roedelius, inzwischen stattliche 81 Jahre alt, macht sich über seinen Status wenig Gedanken. Er freut sich höchstens darüber: "Ich bin stolz darauf", lacht er, "wenn ich viele Kreative beeinflusst habe. Aber ausruhen tue ich mich auf diesem Status nicht. Es muss ja weiter gehen. Ich bin nach wie vor aktiv."



Hans-Joachim Rodelius hat eine erstaunliche musikalische Karriere hinter sich und ist der Inbegriff des "Elektro-Pioniers". 1934 geboren im Osten Berlins, in der DDR der späten 1950er Soldat der NVA und bald darauf für zwei Jahre Knast-Insasse in Bautzen, weil er zu desertieren versucht hatte, floh er 1963 in den Westen, schlug sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs in West-Berlin durch, ehe er - als Autodidakt - Gitarre, Geige, Cello und Piano lernte. "Learning by doing, so war das bei mir", meint Roedelius über diese Phase seines Lebens heute lapidar.

1969 lernt er den zehn Jahre jüngeren Keyboarder und Gitarristen Dieter Moebius kennen, der am 20. Juli 2015 im Alter von 71 Jahren an Krebs verstarb. "Dieser Kerl war musikalisch genauso experimentierfreudig wie ich, das hat uns rasch zusammen geschweißt." Zusammen mit dem Synthesizer-Spieler Conny Schnitzler wurde die radikale Avantgarde-Combo Kluster ins Leben gerufen, nach Schnitzlers Weggang 1971 in Cluster umbenannt. "Nachdem Conny nicht mehr an Bord war, versuchten wir, ein wenig Struktur in unsere Lieder zu bringen", sagt Roedelius. "Wir wollten schließlich nicht als durchgeknallte musikalische Autisten in die Annalen eingehen."

Cluster existierten bis 1981, auf zwei Alben mischte Koryphäe Brian Eno mit. In den Jahren 1973 und 1976 gab es ein Zwischenspiel zusammen mit dem Multi-Instrumentalisten Michael Rother, der zuvor bei Kraftwerk und Neu! mitgemischt hatte, unter dem Namen Harmonia, das in zwei Studioalben und einigen Live-Auftritten resultierte. "Mit Michael", erinnert sich Roedelius, "kehrten wir weitgehend ab von den Experimenten, vor allem auf dem zweiten Album. Wir wollten so treibende wie meditative Lieder spielen, vor allem aber sehnten wir uns nach Melodien."

Dass man speziell bei Kreativen wie Roedelius oder Moebius mit deren außergewöhnlichen Biographien nicht von Pop-Musik im herkömmlichen Sinne ausgehen kann, dürfte klar sein. Pop bedeutet im Fall Harmonia Wohlklang und Weite, ohne dabei die Lust am Überraschenden zu verleugnen. Und auf der Bühne besaß der Spaß an der Improvisation nach wie vor oberste Priorität - nachzuhören auf dem jüngst erschienenen Klangdokument "CompleteWorks" (Grönland), eine 5-LP-Box, die das Gesamtwerk von Harmonia enthält, inklusive bislang unveröffentlichtem Material, das vor 40 Jahren im damaligen Harmonia-Hauptquartier, dem idyllischen Forst in Niedersachsen, aufgenommen wurde.

Jedenfalls freut sich Hans-Joachim Roedelius sehr, dass "diese Box jetzt im Handel ist. Vor allem deshalb, weil Harmonia und seine originären, teilweise verwunschenen Klänge dadurch an die nächste Generation weitergeleitet werden. Ich bin nach wie vor begeistert von diesem Projekt, selbst wenn es nur eine kurze Episode in meinem künstlerischen Schaffen war."

Gemeinsame Wegstrecke

Zum Tod des jahrzehntelangen Kreativ-Mitstreiters Dieter Moebius hat Roedelius eine eigene Sicht der Dinge: "Zum einen bin ich mir sicher, dass Dieter begeistert gewesen wäre von der Veröffentlichung unserer Box. Sie ist wunderschön geworden und fasst eine kleine Wegstrecke zusammen, die man gemeinsam absolviert haben. Ansonsten war ich beinahe froh, dass mein alter Kamerad im Sommer endlich aus dem Leben scheiden durfte, denn gesundheitlich ging es ihm in den letzten Monaten vor seinem Ableben unsagbar schlecht, er hatte grässliche Schmerzen. Irgendwo irgendwann werden Dieter und ich uns bestimmt wieder über den Weg laufen. Und natürlich machen wir dann wieder zusammen Musik. Was sollten wir auch sonst tun? Der liebe Gott hat für uns nichts anderes vorgesehen in seinem Plan."

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Weitere Informationen im Internet:

http://groenland.com/artist/harmonia/
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