Emotional berührend

Niemand hat mit "Shadows In The Night" gerechnet. Und niemand weiß so recht, was Bob Dylan der Welt mit seinem neuen Werk vermitteln will.

Was letztlich auch vollkommen egal ist, denn ein Mann von 73 Jahren, der vermutlich das Prädikat "lebende Legende" als Berufsbezeichnung in seinem Reisepass stehen hat, muss sich für keine seiner jüngsten kreativen Aktivitäten rechtfertigen. Tatsache ist, dass "Saint Bob" eine Platte vorgelegt hat, die lediglich knapp 36 Minuten dauert, die aus zehn Coverversionen besteht, allesamt komponiert zwischen den 1920ern und 1960ern, die allesamt irgendwann von Frank Sinatra aufgenommen wurden und welche diesen allesamt berühmt gemacht haben.



Außerdem ist "Shadows In The Night" (Sony) eines der emotional berührendsten Werke von "His Bobness" seit langer Zeit geworden. Krächzer (Dylan) mag hier auf Crooner (Sinatra) treffen. Im Laufe des Hörens der Scheibe verschwimmen allerdings die Grenzen zwischen Krächzer und Crooner. Denn Bob Dylan geht bei seiner feinfühligen Annäherung an US-Standards wie "Autumn Leaves", "That Lucky Old Sun" oder "Stay With Me" mit einer Sanftheit ans Werk - auch und gerade stimmlich -, dass beim Lauschen der Gänsehaut-Effekt geradezu zwanghaft eintritt.

Im exklusiven (und ersten seit drei Jahren) Interview mit dem US-Rentner-Blatt "AARP The Magazine" gesteht Ikone Dylan, dass "jetzt genau die richtige Zeit war, um diese Lieder neu zu interpretieren. Ich glaube nicht, dass meine langjährigen Fans von dieser Platte überrascht sein werden. Wie auch immer: Ich liebe diese Songs und bringe ihnen entsprechenden Respekt entgegen. Hätte ich diese Klassiker kaputt gemacht, wäre das ein Sakrileg gewesen. Doch das habe ich nicht getan. Warum auch?"

Doch warum hat Bob Dylan ausschließlich Covers interpretiert, die Frank Sinatra - bis auf die Ausnahme "Stay With Me", welche jener in den Sixties aufgenommen hat - in den 1940-ern und 1950-ern einspielte? In der neuen Februar-Ausgabe des deutschen Musikfachblatts "Rolling Stone" vermutet Autor Maik Brüggemeyer: "Dylan nimmt den Liedern die Schminke und die Abendkleider ab, zeigt sie im Licht der blauen Stunde nackt, verletzlich und in der Schönheit ihres Alters. Bob Dylans Herz schlägt in diesen Liedern, mit letzter Luft hat er sie zum Leben erweckt. Ein weiteres Selbstporträt in fremden Farben", mutmaßt der Journalist. Womit er den Nagel äußerst präzise auf den Kopf trifft.

Der Fels

Dylan selbst erklärt "AARP The Magazine" seine Herangehensweise an "Shadows In The Night" wie folgt: "Wenn du dich ans Einspielen solcher Songs ran machst, ist Frank Sinatra natürlich in deinem Kopf. Denn er ist der Fels des Ganzen. Der Fels, den es zu erklimmen gilt, selbst wenn du deinen Job nicht gut erfüllst. Frank hat ja stets z u dir gesungen, nicht f ü r dich. Genau diese Art Interpret wollte ich mein Leben lang sein. Derjenige, der direkt den Zuhörer erreicht."

Tatsächlich beschwört "Shadows In The Night" eine Ära, die es eigentlich nicht mehr gibt: Eine Ära, in welcher ein Hörer unmittelbar von einem Künstler kraft einer Drei-Minuten-Nummer direkt und tief im Herzen angesprochen wird. Oder eben nicht. Diese Platte von Bob Dylan ist letztlich ein Anachronismus, der für sich selbst steht. Ein Anachronismus, den eine immer profaner werdende Welt wie die unsere unbedingt braucht. Darauf zu finden ist Musik, die man nicht notwendiger Weise ins Herz schließen muss.

Aber es ist Musik, auf die man sich einlassen kann, um sie letztlich ins Herz zu schließen. Denn Bob Dylan hat sich Melodien angenommen, die tief verankert sind im Kanon des Allgemeinguts von im besten Sinne populären Harmonien der letzten knapp hundert Jahre. Richtig, Bob Dylan ist ein weiteres Mal in seiner ungewöhnlichen, einzigartigen Karriere zum Populisten geworden. Wenngleich auf seine eigene Art und Weise.

Dylan ist beim Aufnehmen von "Shadows In The Night" vollkommen in die Rolle des Verwalters originärer Aufnahme-Techniken eingetaucht, wie er "AARP - The Magazine" gestand: "Natürlich hoffe ich, dass meine Platte verkauft", gab Dylan zu, "und es würde mir gefallen, wenn die Leute sich die Scheibe am Stück anhören. Jedoch hat sich insgesamt die Art, wie Menschen heutzutage Musik hören, radikal verändert. Im Gegensatz dazu habe ich die Stücke genauso eingespielt, wie sie auf dem Album zu hören sind. Pro Lied habe ich im Durchschnitt drei Stunden fürs Aufnehmen mit meiner fünfköpfigen Band benötigt. Es gibt keinen Mix. Alles klingt, wie es im Studio stattgefunden hat. Ich wollte einfach nur alles richtig machen."

___

Weitere Informationen im Internet:

http://www.bobdylan.com
Weitere Beiträge zu den Themen: Lea (13790)Februar 2015 (7876)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.