"Emotionaler Problemfall"

Neben den Cashs und den Wainwrights sind die Thompsons die bedeutendste Singer-Songwriter-Familie. Jetzt erscheint von den Thompsons ein neues Album mit dem programmatischen Titel "Family".

Ich bin eine ziemlich traurige Gestalt und eine echt tragische Scheidungswaise", schickt Teddy Thompson gleich zu Beginn des Gesprächs vorweg. "Jener Umstand war letztlich der Ausgangspunkt, warum ich dieses "Family"-Projekt überhaupt initiiert habe. Wenn man so will, bin ich ein Harmonie-Trottel. Ich sehne mich unbändig nach einem Kollektiv von Leuten, die dasselbe Blut teilen, sich prächtig miteinander verstehen und gemeinsam ihre Kreativität ausleben."

Das "Family"-Album, das unter dem schlichten Namen Thompson das Licht der Welt erblickt hat: Es hat sich ganz der Musik zur Rettung der Familie verschrieben - und was für einer Familie! Teddy, der Initiator des Ganzen, hält die Rolle des "Sohns" inne. Er ist ein Fixpunkt der jüngeren Singer/Songwriter-Szene, wurde 1976 in einer Londoner Sufi-Kommune geboren, emigrierte mit 18 allein nach Los Angeles, wo er bis heute lebt. Als Nächsten hätten wir Richard Thompson (64), den "Vater", eine britische Folk Rock-Ikone, der in den 1960-ern Gitarrist der legendären Fairport Convention war, ehe er in der Dekade darauf eine Solo-Karriere startete.



Richard war mit der begnadeten Folk-Künstlerin Linda Thompson zwischen 1972-1981 verheiratet, sie trägt bei "Family" die Rolle der "Mutter". Als nächstes finden wir Teddys Schwester Kamila an Bord, Jahrgang 1983, gezeugt von Linda und Richard, als die beiden eigentlich kein Paar mehr waren - wir nennen sie an dieser Stelle "Tochter". Jetzt ist noch Kamilas Gatte James Walbourne im Ring, den wir "Schwager" titulieren wollen. Und zu guter Letzt Zak Hobbs, der Neffe von Teddy, der entsprechend unter "Neffe" firmiert. Diese sechs so musikalischen wie unterschiedlichen Charaktere wurden 2012 von Teddy via E-Mail kontaktiert. Darin stand, dass es sein dringlichster Wunsch sei, zusammen ein ungewöhnliches Projekt auf die Beine zu stellen. "Natürlich jammerte ich in meiner Mail rum, von wegen "emotionaler Problemfall", der ohne seinen Clan mit dem Dasein nicht klar kommt", lacht "der Sohn". "Ich wusste , dass ich mit meinen Verwandten niemals ein Projekt auf die Reihe bekommen würde, wenn ich nicht auf die Mitleidsdrüse drücken würde. Der Erfolg gibt mir recht!"

Teddy flog nach London, um mit Mutter, Schwester, Schwager und Neffe "Overdubs" einzuspielen. Danach ging seine Reise zurück nach L. A., wo er Daddy traf, um ebenfalls "Overdubs" aufzunehmen. "Plötzlich hatte ich genug Material für ein komplettes Album namens "Family" - und außerdem die Gewissheit gewonnen, dass wir Thompsons eine zwar chaotische, aber auch angenehme Familie sind. Mehr wollte ich nie erreichen." Herausgekommen ist bei "Family" (Universal) ein Werk mit zehn Liedern, bei denen jeder der sechs Beteiligten seinen musikalischen Neigungen nachkommen durfte. So hören wir einen delikaten Mix aus klassischem Folk, ungestümem Pop, würzigem Country, originärem Blues, feinfühligem Americana, treibendem Rock und vielen Einflüssen mehr. Letztlich aber steht das britische Element über allem, also eine Rückbesinnung auf eine jahrhundertealte Tradition, die man am ehesten mit "Volksmusik" im besten Sinne des Wortes umschreibt.

Britischer Humor

"Natürlich durfte auch der britische Humor nicht fehlen", feixt Teddy Thompson. "W enn man über eigentlich tragische Dinge kein Lachen verlieren kann, ist ein Projekt von vornherein gescheitert. Wir Thompsons sind der Inbegriff für Sarkasmus. Wir lösen zwischenmenschliche Probleme mit Fatalismus."

Und wie wird es in der Zukunft weitergehen mit "Thompson", beziehungsweise: Wird es damit überhaupt weitergehen? "Wenn sich mein Kopf durchsetzen würde, käme es 2015 zu jeder Menge Konzerte, bei denen alle Sechs auf der Bühne stehen und fröhlich Musik machen", sagt Teddy. "Ich fürchte nur, dass sich meine Idee nicht basis-demokratisch durchsetzen lässt. Dafür leben wir alle an zu vielen unterschiedlichen Orten auf diesem Planeten. Und dafür existieren zu viele Risse innerhalb der Beziehungen untereinander, die auf Ereignissen in der Vergangenheit resultieren. Aber immerhin: Die Musik hat es ermöglicht, dass wir Thompsons mit unseresgleichen kommunizieren. Ich bin unglaublich stolz darauf, zu dieser Entwicklung meinen Beitrag geleistet zu haben."

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.richardthompson-music.com
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