Entwicklungshelfer in Afghanistan wollen Schutz vor Angriffen - Extremisten sollen Aufbauarbeit ...
Welthungerhilfe sucht Kontakt zu Taliban

Deutschland und die Welt
07.07.2007
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Die Entführung eines Deutschen in Afghanistan, der für die US-Behörde für Internationale Entwicklungsarbeit (USAID) arbeitete, ist glimpflich verlaufen, der Bauingenieur wurde am Donnerstag wieder auf freien Fuß gesetzt. Doch das Leben für Ausländer und Entwicklungshelfer wird in dem zentralasiatischen Land immer gefährlicher. "Die Sicherheitslage war noch nie so schlecht wie jetzt", sagt die Sprecherin der Deutschen Welthungerhilfe (DWHH), Marion Aberle. Die Organisation, die seit 1980 in Afghanistan tätig ist, will deshalb künftig auch mit gemäßigten Taliban kooperieren. Die Malteser wollen dagegen ihr internationales Personal abziehen.

Nach dem Mord an einem deutschen und einem afghanischen Mitarbeiter der DWHH im Frühjahr dieses Jahres hat sich die Organisation zu einem Strategiewechsel bei ihrer Arbeit entschlossen. "Wir wollen die Realitäten in den verschiedenen Regionen, also die Machtstrukturen vor Ort, anerkennen", sagt Aberle.

Besonders auf der dörflichen Ebene, wo die schwache Zentralregierung von Präsident Hamid Karsai quasi keinen Einfluss hat und die Verwaltungsstrukturen korrupt oder kaum ausgeprägt sind, will die Organisation künftig stärker mit den eigentlichen Herrschern in Kontakt treten. Das können die Stammesältesten, die lokalen Kriegsfürsten, aber auch gemäßigte Taliban sein. Sie sollen den Entwicklungshelfern der Nichtregierungsorganisation (NGO) grünes Licht für Projekte geben und dafür sorgen, dass sie möglichst ungehindert einen Brunnen oder eine Straße bauen können. "Wir wollen als NGO nicht mit Aufgaben betraut werden, die in die Verantwortung des Zentralstaats fallen", sagt Aberle mit Blick auf den nötigen Aufbau von verlässlichen kommunalen Strukturen. Dies müssten die Afghanen mit internationaler Hilfe machen. Die NGO wolle sich auf ihre "Kernkompetenzen" konzentrieren, also den Aufbau von Infrastruktur.

Die DWHH, die mit 500 örtlichen Kräften und 20 internationalen Helfern überwiegend im Norden des Landes arbeitet, will deshalb auch nicht mit der Bundeswehr in Verbindung gebracht werden. "Wir wollen nicht als Teil der Militärstrategie wahrgenommen werden", sagt Aberle. Durch eine solche Vermischung würden die Entwicklungshelfer "ins Fadenkreuz regierungsfeindlicher Gruppen" fallen. Derzeit arbeitet die DWHH ein Konzept aus, wie die Arbeit in Afghanistan konkret weitergehen soll. Bis Oktober haben sich die Mitarbeiter deshalb eine Atempause verordnet. Alle Aktivitäten wurden auf das notwendige Maß reduziert und keine neuen Projekte begonnen.

Malteser gehen

Malteser International hat dagegen drastischere Konsequenzen aus der hochexplosiven Sicherheitslage gezogen. Die Organisation, die seit 2002 in Afghanistan tätig ist und vor allem im Gesundheits- und Bildungssektor arbeitet, wird bis Ende Oktober alle deutschen Mitarbeiter aus Afghanistan abziehen und ihr Büro in Kabul schließen. Damit gibt es künftig keine internationalen Malteser-Mitarbeiter mehr in Afghanistan. Einheimische Partnerorganisationen sollen die Hilfsprojekte unterstützen. Auch Care Deutschland, die mit zehn internationalen und 800 örtlichen Entwicklungshelfern bisher noch in fünf Provinzen im ganzen Land tätig ist, hat die Sicherheitsmaßnahmen für ihre Mitarbeiter extrem erhöht. So arbeitet die NGO nach den Worten ihres Generalsekretärs Wolfgang Jamann eng mit der US-Botschaft in Kabul zusammen. Es werden Sicherheitstrainings verordnet und Evakuierungspläne für die Mitarbeiter ausgearbeitet. Ansonsten verlaufe die Arbeit momentan ohne Probleme, sagte Jamann. Care betreut unter anderem in einem Projekt bei Kabul Kriegswitwen. Für Jamann besteht eine der wichtigsten Sicherheitsmaßnahmen darin, dass sich ausländisches Militär aus der humanitären Arbeit heraushält: "Eine Vermischung erhöht das Gefahrenrisiko."