Er sprach kein Wort

Der Germanwings-Absturz ist aufgeklärt - aber die Auflösung ist unfassbar schrecklich: Der 28 Jahre alte Copilot aus Montabaur hat 150 Menschen absichtlich in den Tod gesteuert.

"Ich weiß doch nicht, was im Kopf dieses Copiloten vorgegangen ist." Das sagt Staatsanwalt Brice Robin am Donnerstag in Marseille. Die Angehörigen der Opfer werden sich diese Frage vielleicht bis ans Ende ihres Lebens stellen: Was ging in den letzten acht Minuten des Germanwings-Fluges 4U9525 im Kopf des Copiloten Andreas L. (27) aus Montabaur vor?

Was ging in ihm vor, als der Flugkapitän wie verrückt gegen die Tür des Cockpits hämmerte und dabei "Lass mich rein!" rief? Was ging in ihm vor, als der Tower in Marseille immer wieder versuchte, Kontakt zu ihm aufzunehmen, ihn aufforderte, den Notruf auszulösen? Und was ging in ihm vor, als im allerletzten Moment, kurz vor dem Aufprall, die Schreie der Passagiere ertönten? Man weiß es nicht, denn in der ganzen Zeit sprach der junge Mann kein einziges Wort.

"Ich habe Probleme mit dem Begriff Selbstmord", sagt der Staatsanwalt bei seiner Pressekonferenz. "Wenn man 150 Personen mit in den Tod reißt, ist das für mich eigentlich kein Selbstmord." Lufthansa-Chef Carsten Spohr sagt wenig später in Köln: "In unseren schlimmsten Alpträumen hätten wir uns nicht vorstellen können, dass sich eine solche Tragödie hier in unserem Konzern ereignen kann." Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist fassungslos. Die Tragödie habe nun eine "schier unfassbare Dimension" erreicht, sagt sie. "So etwas geht über jedes Vorstellungsvermögen hinaus."

Kein Terror-Hintergrund

Was kann einen Menschen dazu treiben, so etwas zu tun? Ein Motiv, das sich aufdrängt, wäre ideologische - religiöse - Verblendung. Aber darauf gibt es offenbar keine Hinweise. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) schließt einen terroristischen Hintergrund aus.

War es das Gefühl der Macht? Das Leben der Passagiere und der Besatzung liegt immer in den Händen der beiden Menschen im Cockpit. Wenn man in ein Auto steigt, ist das Unfallrisiko statistisch viel höher als bei einem Flug, aber am Steuer eines Wagens hat man das Gefühl, die Dinge selbst in der Hand zu haben. Im Flugzeug liefert man sich vollständig aus. Dieser Kontrollverlust ist die wichtigste Ursache für Flugangst.

Wer darunter leidet, wird jetzt ein noch mulmigeres Gefühl haben. Aber auch wer damit keine Probleme hat, wird sich in nächster Zeit wohl kaum mehr so entspannt wie bisher zurücklehnen können, wenn die sonore Stimme aus dem Cockpit sagt: "Guten Morgen, hier spricht Ihr Flugkapitän!" Es gibt noch viele andere offene Fragen. Fasste der Copilot seine Entscheidung spontan?

Er konnte vorher nicht mit Sicherheit wissen, dass der Flugkapitän das Cockpit verlassen würde, um zur Toilette zu gehen. Die Auswertung des Stimmenrekorders hat ergeben, dass L. in der ersten Phase des Fluges noch ganz normal mit seinem Kollegen geplaudert und sogar Witze gemacht hat. In Düsseldorf begann am Donnerstag die Durchsuchung seiner Wohnung. Die Polizei sucht nach Hinweisen auf ein mögliches Motiv oder Anzeichen für eine psychische Erkrankung. Doch man kann nicht ausschließen, dass letztlich alle Erklärungsversuche versagen werden. Wie hat es der Staatsanwalt noch gesagt: Man kann nicht in einen anderen Kopf hineinschauen.

Tage der Mitmenschlichkeit

Aber die Katastrophe des Fluges 4U 9525 eröffnet nicht nur eine neue Dimension des Grauens. Sie zeigt auch, dass die Gesellschaft in einer Krisensituation "Reserven an Mitmenschlichkeit und Trost" zu mobilisieren vermag, wie es der Historiker und Publizist Michael Stürmer ausdrückt. Die Notfallseelsorger, die Helfer in den Alpen, die Bewohner der Absturzregion, die Hinterbliebene aufnehmen. Sie alle sind weiterhin für andere da. Auch an diesem schwarzen Tag.
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