Erzieherin vor Amtsgericht
Mussten Kinder Papier essen?

Symbolbild: dpa
Sie soll Kinder gezwungen haben, Grießbrei und Suppe aufzuessen. Sie soll ihnen die Speisen solange gefüttert haben, bis es die Kleinen würgte und sie sich übergeben mussten. Das Erbrochene soll sie ihnen zurück in den Mund geschoben haben. Ob diese Vorwürfe gegen eine Erzieherin (57) stimmen, muss das Amtsgericht klären.

Die Staatsanwaltschaft hatte der inzwischen entlassenen Erzieherin einen Strafbefehl (einjährige Bewährungsstrafe) wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen geschickt. Dagegen legte die 57-Jährige Einspruch ein, weshalb sie sich am Mittwoch vor dem Amtsgericht verantworten musste. Sie selbst machte keinerlei Angaben zu den Vorwürfen. Zwei ehemalige Mitarbeiterinnen des Kindergartens, eine Erzieherin und eine Kinderpflegerin, hingegen sagten umfassend aus.

Die Erzieherin, die den Stein ins Rollen gebracht hatte, schilderte einen Vorfall: Die Angeklagte habe dem Kind, das sein Mittagessen nicht mehr zu sich nehmen wollte und sich bereits übergeben hatte, das in den Teller Erbrochene mit dem Löffel zurück in den Mund geschoben. "Da bin ich hin und hab den Teller weggenommen", sagte sie.

"Lieblos zu den Kindern"

Dass die Angeklagte lieblos zu den Kindern gewesen sei, sie barsch angeredet habe und häufig laut geworden sei, bestätigte die Kinderpflegerin, die ebenfalls nicht mehr in der Einrichtung tätig ist. Sie habe die Angeklagte beim Füttern eines Kindes beobachtet. Dabei habe die Erzieherin ihre Hand unter das Kinn des Jungen gehalten, um aufzufangen, was herauslief - und ihm dies zurück in den Mund geschoben. "Für mich ist das eine Grenzverletzung", sagte die Zeugin vor Gericht.

Einem anderen Buben, der seinen Joghurt in sein Schälchen erbrochen hatte, habe die Erzieherin die wieder Schüssel hingeschoben und gesagt: "Das kann man schon noch essen." Die Mutter des Jungen sagte aus, sie habe erst von der Polizei von den Vorwürfen erfahren und daraufhin ihr Kind befragt. Der Junge antwortete ihr, er habe aufessen müssen, auch wenn er etwas nicht gemocht habe. Ein Mädchen erzählte seiner Mama, ein Kind habe sein Erbrochenes essen müssen. Vor Gericht sagte die Mutter, sie habe dies damals abgetan: "Ich dachte, meine Tochter erzählt mir einen Schmarrn."

"Ich war auch geschockt"

Die Erzieherin einer anderen Gruppe schilderte, wie eine Kollegin ihr weinend sagte, die Angeklagte habe den Kindern Papierschnipsel essen lassen, weil sie den Maltisch nicht aufgeräumt hätten. "Ich war geschockt", sagte die Frau. Obwohl ihr eigener Sohn in der Gruppe der Angeklagten war, riet sie nach eigenen Angaben ihrer Kollegin lediglich, die Kindergartenleitung zu informieren.

Dass sie nicht mehr getan habe, wunderte Richterin Julia Taubmann: "Wenn das mein Sohn gewesen wäre, wäre ich schneller bei der Polizei gewesen als Sie schauen würden. Ich find's nämlich nicht normal, Papierschnipsel zu essen." Der Prozess wird am Freitag, 29. Mai, um 9 Uhr fortgesetzt. Dann sollen die Leitung des Kindergartens und der Träger der Einrichtung gehört werden.
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