Ewiger Dandy

Es ist ja immer so eine Sache, wenn sich schwer angegraute Rock-Stars nochmals ins Studio schleppen. Eher rar sind hier gute Ergebnisse, Totalpleiten wie eben bei den verbliebenen Pink- Floyd-Mitgliedern die Regel. Wie hoch sollte man also die Messlatte für Bryan Ferry, zuletzt noch in Sachen Schmuse-Jazz unterwegs, legen?

Als der Bergarbeitersohn vor knapp 70 Jahren in Newcastle geboren wurde, ahnte noch keiner, welch grandiose und geradlinige Karriere dem Jungen beschieden sein sollte. Mit Kumpel Brian Eno, dem Oboisten und Saxofonisten Andy Mackay und Gitarrist Phil Manzanera wurde zunächst 1972 die wohl wegweisendste Art-Rock-Band der Musikgeschichte, Roxy Music ins Leben gerufen mit der Ferry auch bis zum heutigen Tag auftritt. Eno und er gefielen sich dabei sowohl als schillernde, transsexuelle Paradiesvögel, aber auch als südamerikanische Gauchos oder in einer karikierenden wie provozierenden Nazi-Uniformierung. Ferry wollte damit auch polarisieren und behielt diese Haltung teils auch im Privaten aufrecht.

Typisch dafür, dass er nach seiner Trennung von Cover-Girl Jerry Hall (sie wechselte später zum Kollegen Mick Jagger) eine langjährige Liaison mit der Freundin seines zweitältesten Sohns Isaac unterhielt, die aber auch wieder geschieden wurde.

Näselnder Sprechgesang

Als Dandy im Dinnerjacket veröffentlichte er bereits 1973 seine erste Solo-Scheibe "These Foolish Things", die fast ausschließlich Cover-Versionen von den Rolling Stones, Bob Dylan und später von den Velvet Underground, Sam & Dave oder Screamin' Jay Hawkings enthielt. Die Neuinterpretation mehr oder weniger bekannter Lieder sollte neben dem manierierten, leicht näselndem Sprechgesang auch sein Markenzeichen werden, wobei wir endlich beim aktuellen Werk, "Avonmore" (BMG) angekommen sind.

Robert Palmer's - selbst ein Crooner vor dem Herren - "Johnny and Mary" beendet in typisch verschleppter und mit markanten Handclaps eingeleiteter Manier das Album. Den norwegischen Produzenten und DJ Todd Terje hat er sich für diese melancholische Hymne über Verlust und Liebe zur Seite geholt. Das zweite Cover-Stück ist eine schöne und üppige Version von Sondheims Musicalsong "Send In The Clowns".

Langjährige Partner

Ferry arbeitet auf "Avonmore" erneut mit seinen langjährigen musikalischen Partnern Nile Rodgers, Johnny Marr und Marcus Miller zusammen. Weitere illustre Gastauftritte gibt es von Flea, Ronnie Spector, Mark Knopfler und Maceo Parker.

So zieht sich der Reigen vom dunkel angehauchten Titeltrack, über den discotauglichen und gleich mit neuen verschiedenen Gitarristen eingespielten "Midnight Train" zum besinnlichen "Soldier of Fortune", gefolgt vom cool groovenden, zwingendem, mit Scratches unterlegten "Driving me Wild" zum dezent funkigem und typischen Nile Rogers-Sound von "A Special Kind of Guy" zum wirbelnden Groove in "One Night Stand" hin zu der traumhaften, ersten Single "Loop De Li". "Avonmore" ist beides: zeitgemäß im Sound und klassisch in der Haltung. Bryan Ferry geht vielleicht nicht ganz zurück zu seinen Wurzeln, aber doch bis zum hervorragenden Solo-Werk "Boys and Girls" aus den 80ern und gewinnt auf ganzer Linie.

David Gilmore, der ja auch schon für den Maestro arbeitete (und hier schließt sich der Kreis), hätte sich locker ein paar Inspirationen holen können, anstelle sich auf CD-Länge um die eigene Achse zu drehen.

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Bryan Ferry spielt am 9. Dezember in der Nürnberger Meistersingerhalle. Karten gibt es beim NT/AZ-Ticketservice (Telefon 0961/85550 und 09621/306230).
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