Exhumierungen sollen Klarheit bringen

Auf einem der Delmenhorster Friedhöfe soll demnächst mit den Exhumierungen zur Aufklärung von möglichen weiteren Morden des Krankenpflegers begonnen werden. Bild: dpa

Starben sie eines natürlichen Todes? Oder waren es Mordfälle? Diese Frage stellen sich viele Familien von ehemaligen Patienten am Klinikum Delmenhorst. Jetzt gräbt die Polizei einige Leichen aus. Bei den Angehörigen löst das zwiespältige Gefühle aus.

Für die Familien muss es ein Schock gewesen sein. Jahre nach dem Tod ihrer Angehörigen stehen Polizisten vor der Tür und erklären, dass sie das Grab öffnen wollen. Dass Rechtsmediziner den Körper des geliebten Menschen untersuchen sollen. Dass das passieren kann, haben sie seit Monaten geahnt. Doch vorbereitet auf so einen Moment ist wohl niemand.

Mehr als 200 Opfer?

Acht Leichen wollen Polizei und Staatsanwaltschaft in den nächsten Wochen in der Region um Oldenburg exhumieren lassen. Und das wird nur der Anfang sein. Denn die Ermittler haben einen unfassbaren Verdacht: Ein Krankenpfleger könnte mehr als 200 Patienten getötet haben, die meisten davon auf der Intensivstation am Klinikum in Delmenhorst. Viele Taten sind mehr als zehn Jahre her. Die Exhumierungen könnten für einige Angehörige nun endlich Gewissheit bringen - aber auch alte Wunden wieder aufreißen.

"Sie haben natürlich Angst, dass der Beweis erbracht wird, dass es sich um Mord handelt", sagt die Delmenhorster Anwältin Gaby Lübben. Sie vertritt sechs Familien, von denen ein Angehöriger auf der Intensivstation unter unklaren Umständen gestorben ist. Dass die 15-köpfige Sonderkommission der Polizei "Kardio" endlich alle Verdachtsfälle in Delmenhorst und an anderen früheren Arbeitsstellen des Pflegers untersuche, gebe ihnen Kraft.

Eine Krankenschwester hatte den Pfleger im Sommer 2005 ertappt, wie er einem Patienten auf der Delmenhorster Intensivstation eine Überdosis eines Herzmedikaments gespritzt hatte. Drei Jahre später verurteilte ihn das Landgericht Oldenburg wegen Mordversuchs zu siebeneinhalb Jahren Haft. Trotz Hinweisen, dass deutlich mehr Todesfälle auf das Konto des Mannes gehen könnten, ließ die Staatsanwaltschaft das nicht weiter untersuchen. "Da hat es eindeutig Pannen gegeben", sagt der stellvertretende Leiter der Oldenburger Staatsanwaltschaft, Thomas Sander. Auf einer Pressekonferenz am Montag zu den geplanten Exhumierungen entschuldigte er sich bei den Angehörigen für "Verzögerungen und Verfehlungen".

Ex-Pfleger gestand 90 Fälle

Seit September muss sich der Ex-Pfleger erneut vor Gericht verantworten. Diesmal wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs am Klinikum Delmenhorst. Im Prozess gestand der 38-Jährige jedoch 90 Taten. Bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein. Ob die Ermittler die gesamte Mordserie werden klären können, ist fraglich. Mehr als die Hälfte der Verstorbenen wurden eingeäschert. Außerdem werden nur die Leichen der Patienten exhumiert, die das Herzmedikament nicht als Therapie verordnet bekamen.

Am Oldenburger Klinikum, wo der Pfleger vor seiner Delmenhorster Zeit arbeitete, überprüfen die Ermittler mehr als 20 Verdachtsfälle. Dort soll der 38-Jährige Kalium - ein natürliches Blutsalz - in seinen tödlichen Spritzen verwendet haben. Kann ein Nachweis überhaupt noch gelingen? Die Ungewissheit, die die Hinterbliebenen jahrelang plagte, sie wird in vielen Fällen wohl bleiben.
Weitere Beiträge zu den Themen: Weltgeschehen (20753)Februar 2015 (7876)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.