Falsch, aber nicht strafbar

Der angeklagte Arzt (Mitte) mit seinen Verteidigern im Landgericht Göttingen. In dem Verfahren hatte die Anklage dem früheren Leiter der Göttinger Transplantations-Chirurgie versuchten Totschlag und Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen. Archivbild: dpa

Ein Gericht in Göttingen hat einen Arzt vom Vorwurf des versuchten Totschlags freigesprochen. Der Chirurg manipulierte Daten, damit Patienten schneller Spenderorgane bekamen. Das Gericht entschied, dass das nur moralisch fragwürdig war. Nun geht die Anklage gegen das Urteil an.

Mit einem Freispruch ist der Prozess um den Organspende-Skandal an der Göttinger Uniklinik zu Ende gegangen. Der frühere Leiter der Transplantationsmedizin habe sich trotz erwiesener Manipulationen nicht strafbar gemacht, urteilte das Landgericht Göttingen am Mittwoch. Die Staatsanwaltschaft kündigte umgehend rechtliche Mittel gegen das Urteil an. Sie hatte für den 47-jährigen Chirurgen, der früher auch in Regensburg operierte (siehe Infokasten), acht Jahre Haft und ein lebenslanges Berufsverbot als Transplantationsmediziner gefordert.

Elf Monate in U-Haft

Dagegen sagte der Verteidiger des Arztes, Jürgen Hoppe: "Das ist das Urteil, für das wir gekämpft haben." Der Mediziner, der elf Monate lang in Untersuchungshaft gesessen hatte, reagierte mit Erleichterung auf die Entscheidung des Gerichts.

Die Staatsanwaltschaft hatte dem Chirurgen in dem fast zwei Jahre dauernden Prozess unter anderem versuchten Totschlag in elf Fällen vorgeworfen. Der Arzt habe medizinische Daten manipuliert, damit seine Patienten bei der Vergabe von Spenderlebern bevorzugt wurden. Dadurch hätten andere schwer kranke Patienten kein Organ erhalten und seien deshalb möglicherweise gestorben. Mit ihrer Anklage hatte die Staatsanwaltschaft juristisches Neuland betreten, denn konkrete Namen von Menschen, die wegen des Handelns des Arztes gestorben sein könnten, nannte sie nicht.

Der Vorsitzende Richter Ralf Günther sagte in seiner Urteilsbegründung, der Arzt habe zwar gegen Richtlinien der Bundesärztekammer verstoßen. Diese Verstöße seien aber nicht strafbar gewesen. Der Richter führte aus, es könne dem Arzt nicht zum Vorwurf gemacht werden, dass er alkoholkranken Patienten Lebern übertragen habe, die nicht sechs Monate abstinent gelebt hätten. Die entsprechende Richtlinie der Ärztekammer verstoße gegen das Grundgesetz, weil sie diese Patienten von der Organvergabe ausschließe. Es lasse sich auch nicht nachweisen, dass durch die Manipulationen des Mediziners andere Patienten kein Organ erhalten hätten und deshalb möglicherweise gestorben seien, sagte der Richter. Die Kranken, deren Daten manipuliert wurden, hätten alle eine neue Leber benötigt, ohne Transplantation würden einige von ihnen heute nicht mehr leben.

Die Staatsanwaltschaft hatte als Motive Geltungssucht, Ehrgeiz und finanzielle Aspekte vermutet - für Leber-Transplantationen habe der Arzt Bonus-Zahlungen erhalten. Seit August 2013 war in Göttingen an mehr als 60 Tagen gegen den Chirurgen verhandelt worden. Dabei waren gut 100 Zeugen und neun Sachverständige zum Teil mehrfach vernommen worden.
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