Familienausflug in die "Hölle"

Einige Mitglieder der gecasteten tschechischen TV-Familie inspiziert ihre neue "Heimat". Diese liegt geografisch in den Beskiden und zeitlich gesehen mitten im Zweiten Weltkrieg - im März 1939. Bild: Tschechisches Fernsehen

Zum 70. Jahrestag des Kriegsendes dreht das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Tschechien die Uhr zurück: Eine Reality-Serie soll das Leben normaler Leute im von den Nazis besetzten Böhmen und Mähren zeigen. "Urlaub im Protektorat" sorgte schon vor der Ausstrahlung der ersten Folge am Samstag für Kritik.

Opa Jiri, Oma Jarmila, Schwiegersohn Miloslav, dessen Frau Ivana, Cousin "Honza" sowie die Söhne Marek und Mirko: Diese sieben Menschen plus Hund gewannen vor gut einem Jahr das Casting des tschechischen Fernsehens (Ceská televize) für eine Retro-Reality-Show nach dem Motto "Zurück in die Vergangenheit". Abgekupfert ist die von der ARD-Serie "Schwarzwaldhaus" und ähnlichen Formaten aus Großbritannien und den USA. 400 Familien hatten sich beworben - die meisten angelockt von der Aussicht, 60 Tage arbeitsfrei zu haben und dafür auch noch fürstlich entlohnt zu werden. Das Honorar für die siegreiche Familie beträgt immerhin eine Million Kronen (rund 35 000 Euro).

Schock aus dem Radio

Als sich vergangenen Frühsommer die Familie im Fernsehstudio in Ostrava/Mährisch-Ostrau traf, schlüpften alle in Sachen, die im vergangene Jahrhundert modern waren. Die Produzenten legten Wert darauf, dass auch die Unterwäsche aus jener Zeit stammte. Dann stieg die Familie in einen Bus und fuhr Richtung Grenze zur Slowakei und Polen. Was sie dort konkret erleben sollten, wussten sie damals noch nicht.

Der Drehort war ein ebenso zauberhaft wie einsam gelegener Hof in den hügeligen Beskiden, mit sauberer Luft, die weite Ausblicke erlaubte. Das Anwesen entspricht dem, was die Tschechen heute "chalupa" nennen - ein besseres Wochenendgrundstück. Vom Feinsten renoviert, mit einer Innenausstattung aus den 1930er Jahren, einfach, aber durchaus schick und wohnlich.

Am nächsten Morgen sollte das antike Radio im Wohnzimmer eine entscheidende Rolle spielen: Während die Familie gemütlich beim Frühstück saß, ertönte auf Tschechisch ein Radiomensch, der den Hörern mitteilte, dass "das deutsche Volk mehr Lebensraum braucht" und sich deshalb jetzt in Böhmen und Mähren so richtig breitzumachen gedenke.

In diesem Moment wurde den Älteren der Familie mit einem Schlag klar, was ihnen bislang verheimlicht worden war - nämlich, in welche Zeit sie zurückversetzt worden waren: März 1939. Am 15. jenes Monats hatte die deutsche Wehrmacht das Protektorat Böhmen und Mähren besetzt. Mit anderen Worten: Auf die Familie wartet "die Hölle", wie es in der Ankündigung heißt. In diesem Moment eröffnet sich auch dem Zuschauer zum ersten Mal, in welcher Zeit die Reality-Show spielt: mitten im Zweiten Weltkrieg.

Geschichtsunterricht

"Wir wollen zeigen, wie sich eine Familie, die die heutigen friedlichen Verhältnisse und die Annehmlichkeiten unserer Zeit gewöhnt ist, in jener Zeit des vergangenen Jahrhunderts zurecht findet", erklärt die Produzentin der Serie, Lenka Polakova. Man wolle die Zuschauer nicht nur unterhalten, sondern auch eine Art Geschichtsunterricht geben für all jene, die diese Zeit nicht miterlebt haben. Die Gegend, in der die Show spielt, war in der Kriegszeit umkämpft. Tschechische Partisanen bekämpften deutsche Truppen, die ihrerseits die Ortsansässigen schikanierten: im Nachbarort residierte die Gestapo. Was das für die Familie aus der Jetztzeit bedeutet, wie sie damit zu Rande kommt, soll in den acht Folgen gezeigt werden. Schlüsselszenen werden von Schauspielern gespielt.

Die Produktion hat schon vorab leidenschaftliche Debatten ausgelöst. Auf der Internetseite der Serie wird nicht nur Neugier vor der ersten Ausstrahlung geäußert, sondern auch massiver Widerwille, sei das Ganze doch rein fiktiv und realitätsfremd. Schließlich habe die Hauptdarsteller-Familie gewusst, dass ihr die filmische Gestapo nicht ans Leder gehen werde, sondern am Ende des Drehs ein nettes Honorar warte. Einige meinten, diese Show sei eine "Verhöhnung derjenigen, die diese Zeit tatsächlich erleben mussten".
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