Fastnachtszug-Brauchtum entstand in Nürnberg
Frühe Narren-Freiheit

Teilnehmer des Schembartlauf laufen auf dem undatiertem Bild aus dem Jahr 2014 durch die Innenstadt von Nürnberg. Bereits Ende des 14. Jahrhunderts wurde der Grundstein für den Faschingsumzug heutiger Prägung gelegt. Archivbild: dpa
Nürnberg. (dpa/lby) Sie locken alljährlich Hunderttausende auf die Straße und gelten als Inbegriff des Straßenkarnevals: Die großen Karnevalsumzüge in Düsseldorf, Köln und Mainz. Dabei steht die Urzelle des organisierten Narrentreibens dort, wo man sie am wenigsten vermutet: in Nürnberg. Denn mit dem Zämertanz und dem späteren Schembartlauf wurde dort bereits Ende des 14. Jahrhunderts der Grundstein für den Faschingsumzug heutiger Prägung gelegt. Nürnberg, da sind sich Fastnachts-Experten einig, darf sich rühmen, den ältesten Karnevalszug Deutschlands zu haben. An diesem Sonntag, so werben die Veranstalter, finde er bereits zum 618. Mal statt.

Glaubt man dem Humanisten und Astrologen Lorenz Behaim, muss Nürnberg zur Renaissancezeit kurz vor Beginn der Fastenzeit einem Tollhaus geglichen haben. In einem Brief aus dem Jahr 1507 schrieb Behaim an einen Nürnberger Freund: «Ihr sollt Euch schön ausgetobt haben in den Fasten. Hätte ich das gewusst, wäre ich auch nach Nürnberg gekommen, um mit Euch zu toben». «Toben» - das war in der streng regierten Freien Reichsstadt der Renaissancezeit nur einmal im Jahr erlaubt - bei den Schembartläufen kurz vor Beginn der Fastenzeit.

Die 1449 erstmals urkundlich belegten Schembartläufe waren farbenfrohe, von Musik begleitete Umzüge durch die Gassen der Freien Reichsstadt Nürnberg. Die Schembartläufer trugen einheitliche, rot-weiße, schellenbesetzte Kostüme. «Bewaffnet waren sie mit einer stumpfen Lanze, um sich beim zuschauenden Volk Platz zu schaffen», berichtet der stellvertretende Vorsitzende der Nürnberger Schembart-Gesellschaft, Horst Kaufmann. Er hat jahrelang die Geschichte der Schembartläufe erforscht. Namensgebend für den Umzug waren nach seiner Vermutung die von den Läufern getragenen glatten weißen Masken (Schembart = schöne Bärte).

Historische Vorläufer waren nach Kaufmanns Archiv-Recherchen allerdings die 1397 erstmals erwähnten Zämertänze der Nürnberger Metzger. Dass gerade ihnen das seltene Privileg verliehen wurde, in der sittenstrengen Freien Reichsstadt maskierte Tänze aufzuführen, ist für Fastnachtshistoriker kein Zufall. Denn als 1348 ein Handwerkaufstand Nürnberg erschütterte, hielten allein die Metzger dem Rat der Stadt die Treue. Zum Dank verlieh er ihnen nach Kaufmanns Recherchen später das Recht auf öffentliche Belustigung: Der Zämertanz war entstanden.

Bald schon fanden auch die Söhne der reichen Patrizier daran Gefallen, «die Ordnung der Welt für ein paar Tage auf den Kopf zu stellen, obszöne Lieder zu singen, zu saufen und zu fressen». Um sich das Privileg zu erschleichen, ließen sie sich von den Metzgern als rot-weiß gewandete Schutztruppe anheuern - die Metzger kassierten dafür Bares. Für sie war dies in der umsatzschwachen Fastenzeit eine willkommene Einnahme. Später blieb von dem Narren-Brauch nur noch der Schembartlauf übrig, der immer mehr Züge des heutigen Straßenkarnevals annahm. Von 1475 an waren sogar Vorläufer der heutigen Karnevalswagen bei den Umzügen dabei. Urkundlich nachgewiesen sind die Schembartläufe zwischen 1449 bis 1539.

Auch beim Deutschen Fastnachtsmuseum im unterfränkischen Kitzingen sieht man keinen Anlass, an Nürnberg als «Urzelle des Fastnachtszugs zu zweifeln», wie es der langjährige Museums-Chef Hans Driesel formuliert. Und auch die wissenschaftliche Leiterin des Museums, Daniela Sandner, macht deutlich: Zwar habe es wahrscheinlich schon vor dem Nürnberger Zämertanz im Land kleinere Volksumzüge gegeben. «Aber die ersten organisierten Umzüge zur Fastnachtszeit haben tatsächlich in Nürnberg stattgefunden», bestätigt sie.

Selbst rheinische Karnevalisten erkennen Nürnbergs Bedeutung als Wiege des Straßenkarnevals längst neidlos an: Natürlich sei das wilde Treiben zu Fasching viel älter, betont Claudia Teichner vom Kölner Karnevalsmuseum. In Köln sei beispielsweise Faschingstreiben schon im Jahr 1341 urkundlich erwähnt worden. Den ersten organisierten Karnevalsumzug mit Festkomitee und Zugmotto habe es in der Domstadt allerdings erst im Jahr 1823 gegeben, also erst viel später als in Nürnberg, räumt sie ein. Allerdings seien die Vorläufer der heutigen Karnevals-Umzüge vom Charakter eher Zunftzüge gewesen. «Das hat sich dann mit der Zeit stetig verändert», erläutert Teichner.
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