Feierabend im Kraftwerk

Die Betriebstage des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld bei Schweinfurt sind gezählt. Es wird nach 33 Jahren im Juni 2015 endgültig vom Netz gehen. Bild: dpa

Das Atomkraftwerk bescherte Grafenrheinfeld jahrzehntelang goldene Zeiten. Die Gemeinde konnte dank der millionenschweren Steuereinnahmen in Saus und Braus leben. Nun muss der Ort den Gürtel enger schnallen.

Noch zieht der Wasserdampf in dicken weißen Wolken aus den zwei mächtigen Kühltürmen in den Himmel. Doch in wenigen Wochen verliert das unterfränkische Grafenrheinfeld dieses Erkennungsmerkmal. Das Atomkraftwerk (AKW) wird in der zweiten Junihälfte nach mehr als 33 Jahren endgültig vom Netz gehen. Es läutet damit als ältestes noch aktives AKW die zweite Phase des 2011 beschlossenen Atomausstiegs ein. Damals wurden acht AKW sofort stillgelegt, neun sollten bis 2022 folgen. Den zweiten Anfang macht nun Grafenrheinfeld.

"Wir hatten viele Vorteile"

Das hat Folgen für den 3500-Einwohner-Ort - auch wenn Grafenrheinfelds Bürgermeisterin Sabine Lutz (parteilos) die dicke Kröte bereits vor Jahren schlucken musste. "Für uns gab es schon vor drei, vier Jahren den großen Einschnitt. Seitdem musste Eon keine Gewerbesteuer mehr zahlen", sagt Lutz, die seit 2008 regiert. Steuern in Höhe von mindestens 180 Millionen Euro habe Grafenrheinfeld in den vergangenen 30 Jahren mit dem AKW eingenommen. Auch viele Bürger sehen deshalb keinen Grund zum Schimpfen. "Wir hatten viele Vorteile. Der Ort konnte jahrelang im Überfluss leben", sagt die 60-jährige Annelore Dilba. Man sieht dem Ort den Geldsegen an. Straßen, Kanalisation, Telekommunikation, Hochwasserschutz - alles ist grundlegend saniert, erneuert und ausgebaut. Der Ort hat einen kostenlosen Naturbadesee, zwei Kitas, eine Grundschule, eine Bibliothek, eine Kulturhalle. Es gibt kaum Schandflecken oder leerstehende Geschäfte und Häuser.

Doch Lutz und ihre Vorgänger haben auch früh die Weichen gestellt, Geld nicht sinnlos ausgegeben und gespart. "Teilweise hatten wir Rücklagen von bis zu 40 Millionen Euro. Aber es geht uns auch nicht ganz schlecht", sagt Lutz. Mittlerweile hob die Gemeinde Grundsteuer und Kindergartengebühren an. Lutz: "Wir haben für unsere Verhältnisse extrem erhöht. Aber damit liegen wir nun im Landkreis-Durchschnitt." Wirtschaftlich ist Grafenrheinfeld längst nicht mehr vom Kraftwerk abhängig. Zahlreiche Firmen haben sich im Gewerbegebiet angesiedelt. Auf die 3500 Einwohner kommen rund 1200 Arbeitsplätze, gut 300 davon im AKW.

Zwischenlager bleibt

Dennoch bleibt es auch in Zukunft ein Thema. Der Rückbau des AKW wird noch Jahre dauern und das Zwischenlager für radioaktiven Müll hat eine Betriebserlaubnis bis 2046. "Das AKW war vorher eine Gefahr und wird es auch in den nächsten Jahren sein", sagt Gudrun Endres. Sie führt in dritter Generation eine Eisdiele im Ort. "Auch, wenn der Dampf aus ist, es bleibt giftig."

Bürgerinitiative und Naturschützer fürchten zudem, dass mangels deutschem Endlager auch atomarer Müll aus anderen Orten hierher gebracht werden könnte. Auch seien drohende Flugzeugabstürze nicht ausreichend thematisiert worden. "Hier muss Eon nachbessern oder Alternativen finden", sagt Edo Günther vom Schweinfurter Bund Naturschutz in Bayern. Eine Möglichkeit wäre, die Kuppel als alternative Lagermöglichkeit nicht abzureißen.

Die massiven Kühltürme dagegen dürften Günther zufolge gern sofort verschwinden. "Nur dann kann man sich sicher sein, dass das Ding nicht wieder angestellt wird."
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