Flüchtlinge aus Syrien erleben den Fasching
Integration beim Gardemarsch

Schnappschuss von der Faschingsgaudi in Großenfalz: Christl Pelikan-Geismann und die sieben Syrer. Links Aland Kilan, dem die Kindergarde so gut gefallen hat. Bild: rlö
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Deutschland und die Welt
21.01.2015
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Vom Bürgerkrieg ins närrische Treiben: Kaum in Deutschland angekommen, erleben sieben Flüchtlinge aus Syrien den Senioren- und Behindertenfasching der Knappnesia mit. Ein Kulturschock mit Nachwirkungen.

Sulzbach-Rosenberg. Abdullah (22) und seine Freunde sind geflohen vor den Bomben der syrischen Armee und dem Terror des Islamischen Staates. Seit drei Monaten genießen die jungen Männer Schutz in Deutschland und geraten langsam aber sicher in Tuchfühlung mit allerlei Gebräuchen hierzulande. Nach einem glitzernden Weihnachtsfest erlebten die sieben Moslems nun den vorläufigen Höhepunkt eines fortwährenden Kulturschocks: die Senioren- und Behindertenparty der Faschingsgesellschaft Knappnesia.

Die Männer im Tutu

"Sie wussten nicht recht, was sie erwartet", berichtet Christl Pelikan-Geismann, die die Flüchtlinge zu der Feier eingeladen hat. "Aber sie sind bereitwillig mitgekommen und ich bin mir sicher, sie haben den Ausflug nicht bereut." Die jungen Männer setzen ein breites Grinsen auf, wenn sie auf den Nachmittag im Wagnersaal in Großenfalz zwischen Luftschlangen und Gardetänzen angesprochen werden.

"Sehr gut", lässt Aland Kilan (21) übersetzen. "Es war traumhaft." Und seine Landsmänner um ihn herum stimmen zu. Aland hat die Universität in der Stadt Al-Hasaka (175 000 Einwohner) besucht. Er spielt gern Gitarre, trat Zuhause sogar als Sänger auf. "Besonders haben mir die tanzenden Kinder gefallen", schwärmt er und fällt dem Übersetzer mehrmals ins Wort. "Das war so schön anzuschauen, ich hatte Tränen in den Augen." Tarik, Jengin, Rakan, Wasim, Amir und Abdullah nicken heftig. Dann holt Abdullah zu einer längeren Erklärung aus. "Wir kennen eine solche Maskerade nicht", sagt er. "Die Christen in unserer Heimat machen so etwas ähnliches. Sie nennen es Barbarafest." Zwar feierten auch die Moslems ausgiebig religiöse Feste, allerdings ohne sich zu verkleiden. "Wir haben gespürt, dass es eine Feier für die Gemeinschaft war", sagt Abdullah. "Alle haben mitgemacht: Kinder und Senioren, Frauen und auch Männer."

Wobei die Syrer den Auftritt des Männerballetts eher misstrauisch beäugten. "Das wäre nichts für uns", sagt Tarik (19). "So würden wir uns niemals anziehen." Christl Pelikan-Geismann beschwichtigt, dass der grazile Tanz der Männer im Tutu eine Besonderheit des Faschings und auch in unseren Breitengraden nicht jedermanns Sache sei. Die Syrer nehmen diese Information erleichtert auf und planen schon für die weitere Faschingssaison. "Wir möchten noch mehr Feste besuchen", wirft Amir (22) ein. Dass das nicht einfach so dahingesagt ist, beweist er mit der Auswahl seines Kostüms. Als Spiderman würde er sich gerne verkleiden - "vollmaskiert", deutet er mit Händen und Füßen an.

Ein Bierchen geht schon

Möglicherweise ergibt sich die Gelegenheit dazu beim Ostbayerischen Faschingszug am Sonntag, 1. Februar. Pelikan-Geismann möchte die "Jungs", wie sie die Flüchtlinge nennt, beim Umzug begleiten. Gut möglich, dass sie sich als Spinnenmänner in das Getümmel stürzen und auch mal ein Bierchen zu sich nehmen. Gegen ein bisschen Alkohol, erklärt Rakan (20), hätten sie nichts einzuwenden, auch wenn sie Moslems seien. "Wir sind nicht mehr im Mittelalter", sagt er. "Das hier ist Islam 2015." (Angemerkt)

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Daten und Fakten zu Flüchtlingen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/asyl
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