Forman verzaubert Pilsen

Die Wände wechselten ständig ihre Gewänder. Auf den Millimeter genau zauberte Petr Forman bunte Schablonen auf die Mauern, wie hier Schmetterlinge aus einem bekannten Zeichentrickfilm – gewidmet den großen Kreativen der Stadt wie dem genialen Pilsener Trickfilm-Magier Trnka. Bild: Herda

15 000 Menschen drängen sich am Samstagabend bei der offiziellen Eröffnungszeremonie zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr auf dem Pilsener Platz der Republik. Noch herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Dann beginnen die Fassaden zu flimmern.

Was sind das für Schatten an den historischen Bürgerhäusern rund um die Bartholomäus-Kathedrale und den gigantischen Engel aus goldenem Draht? Leuchten die Besucher trotz kühlen Dauerregens aus Begeisterung von innen? Jetzt sieht man deutlich, das sind Mimen, die gestikulierend miteinander interagieren. Eine zauberhafte Stimmung, wie vor einer Theaterpremiere. Da, die riesige Marionette vor dem Puppenmuseum neigt den Kopf! Väter nehmen ihre Kinder auf die Schultern, Aaahs und Ooohs aus vielen tausend Kehlen. Ständig drehen sich Köpfe, man weiß kaum, wo man zuerst hinblicken soll, an allen Ecken und Enden neue Erscheinungen.

Pompöses Erwachen

Gegenüber wartet geduldig die noch dunkle Kathedrale auf ihr Erwachen. Trommeln, Pfiffe, die Geräuschkulisse schwillt an. Ein Hubschrauber scheint sich zu nähern - fliegt er just in time noch fremde Staatsoberhäupter ein? Nein, über die Fassaden schweben die Schattenrisse einiger Ikarusse. Während das Licht langsam erlischt, quietschen bremsende Zugräder, Eisen auf Eisen, untermalt von mächtigen Basstönen.

Der Fokus richtet sich nun auf die Marionette, die mit Geisterhand an der Glockenschnur zieht. Mit der anderen hält sie eine Figur - der Mensch als Marionette. Eine Fanfare ertönt, Trommelwirbel, der Zirkus beginnt, Spot auf David Dimitri, der in 60 Metern Höhe sein Seil betritt - Applaus, "Bravo"-Rufe. Während der Seiltänzer zu den Klängen der eigens für diesen Anlass komponierten Glockensymphonie von Marko Ivanovic seinen 240 Meter langen Husarenritt in Angriff nimmt und dabei bis zum Turm der Kirche 40 Höhenmeter bewältigt, projizieren Regisseur Petr Forman und sein Partner Roberto Magro die Zeitläufe der Stadt an die Fassaden und Großbildschirme.

Die rund 500 VIP-Gäste im abgesperrten Bereich vor dem goldenen Engel, darunter Vertreter ehemaliger, gegenwärtiger und künftiger Kulturhauptstädte Europas wie Maribor (2012), Kosice (2013), Umea (2014), Mons (2015), Wroclaw (2016), Arhus (2017), Valletta (2018), Leeuwarden (2018) und Matera (2019) sowie 240 akkreditierte Journalisten kommen aus dem Staunen nicht heraus - die Kollegen neigen nicht so leicht zu Superlativen wie die Werbebranche, aber was da der Sohn des Hollywood-Regisseurs Milos Forman an Präzision für 20 Millionen Kronen, rund 720 000 Euro, an die Wände gezaubert hat, ist Oscar-reif.

Das Spektakel Video-Mapping zu nennen, ist ein schwacher Begriff für die Verwandlung einer Stadtkulisse in ein mehrdimensionales Kino: Oben tanzt Dimitri zum Glockenschlag der vier neuen Bronze-Ungetüme, die Bildschirme zeigen im Zeitraffer Stadtgeschichte von den Anfängen, als die Bilder laufen lernten, durch die Kriegswirren bis zur geglückten Wende - die Wände wechseln dazu passend ihre Gewänder, auf den Millimeter genau legen sich bunte Schablonen auf die Mauern, Werbeschilder längst vergangener Epochen, die beängstigenden Schatten von Panzern rollen über die Ziegel, Fahnen der Besatzer und Befreier entrollen sich aus den Fenstern. Von kubistischer Dekonstruktion bis zu Jirí Trnkas Schmetterlingen setzen die Mauern aufgesogene Geschichte frei - gewidmet den großen Kreativen der Stadt wie dem genialen Pilsener Trickfilm-Magier Trnka.

15 000 Menschen drängen sich am Samstagabend bei der offiziellen Eröffnungszeremonie zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr auf dem Pilsener Platz der Republik. Alle Fotos von Jürgen Herda

Der Turm schaukelt

Forman hat nicht zu viel versprochen: Schlag 18 Uhr erreicht Dimitri den Turm der Kathedrale, die tonnenschweren Glocken begrüßen den Artisten. "Ich war ganz schön überrascht, wie der Turm wegen der wiegenden Glocken schaukelte", sagt Dimitri bei der Pressekonferenz am Sonntag. "Als ob der Turm belebt wäre." Belebt wird einen Moment später die große Bühne neben der Kirche: Vorhang auf für die Pilsener Urgesteine Jirí Suchý und Dan Bárta.

Die älteren Besucher tänzeln beschwingt in Richtung des betagten Sängers und winken enthusiastisch zum Abschiedslied "Na shledanou - Auf Wiedersehen". Dann setzt die "Koller-Band" nicht nur die jüngeren Musikfreunde in Brand - jetzt züngeln rote Flammen an den Hauswänden. Und dennoch bleibt es ein ruhiger Abend für die 200-köpfige Sicherheitstruppe aus Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst - Pilsen feiert friedlich und fröhlich in die Nacht.

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