Fotograf Aram Radomski und der DDR-Bürgerrechtler Siegbert Schefke machen sich auf den Weg
Die Ersten im Westen

Aram Radomski und Siegbert Schefke. Bild: dpa

Sie sind die Ersten von Hunderttausenden, die am Abend des 9. November 1989 in den Westen gehen: der Fotograf Aram Radomski und der DDR-Bürgerrechtler Siegbert Schefke. Formal werden sie ausgebürgert, doch im Freudentaumel des Mauerfalls spielt das keine Rolle mehr.

Berlin. (dpa) Als Politbüromitglied Günter Schabowski am 9. November 1989 in den Abendnachrichten des DDR-Fernsehens verkündet, dass DDR-Bürger «sofort... unverzüglich» ausreisen dürfen, machen sie sich gleich auf den Weg. «Ich sah die Bilder von der Pressekonferenz beim Abendessen, und mir war sofort klar, wir müssen jetzt an die Grenze gehen», erinnert sich der Berliner Fotograf Aram Radomski. Und als sein Freund, der Bürgerrechtler Siegbert Schefke, vorbeikommt, brechen sie auf, in Richtung Bornholmer Straße.

Auf dem Weg begegnen sie einem Volkspolizisten. Der will sie nach Hause schicken, doch die beiden lassen sich nicht beirren. Radomski ruft den Grenzern zu: «Sagen Sie mal, ist es richtig, dass man jetzt mit einem gültigen Personalausweis der DDR die Grenze passieren kann?» Erst reagieren die Soldaten nicht. Schließlich verlangt Radomski den diensthabenden Offizier, Oberstleutnant Harald Jäger. Ihm hält Radomski entgegen: «Schabowski sagte doch «sofort... unverzüglich».» Der Offizier verschwindet. Als er nach 15 Minuten wiederkehrt, heißt es: «Wer das wünscht, der kann das jetzt machen.»

Es öffnet sich eine kleine Gittertür. Radomski und Schefke zeigen ihre Ausweise. Die werden abgestempelt. Beide sind die ersten DDR-Bürger, die an diesem Abend in den Westen gehen - ohne Visum. «Und plötzlich gingen wir über diese dunkle Bösebrücke und waren im Wedding. Und der war genauso trostlos wie der Osten. Da habe ich noch gedacht, das soll nun der Westen sein», erinnert sich Radomski.

Sein Freund Schefke hatte sich vorher noch sicherheitshalber 50 Westmark in die Unterwäsche gesteckt. «Wir konnten über die Brücke nach West-Berlin gehen. Ich hatte aber immer das Gefühl, jetzt macht die Straße gleich einen Knick und wir sind wieder im Osten. Und da hinten steht ein Auto der Volkspolizei oder der NVA und bringt uns ins Gefängnis», berichtet der heutige Fernsehjournalist. Wenig später hebt sich an der Bornholmer Straße der Schlagbaum - die Grenzer werden dem Strom der Menschen, die gen Westen wollen, nicht mehr Herr. «Wir fluten jetzt», heißt es da.

Am selben Abend sind Schefke und Radomski noch mit Roland Jahn verabredet, heute Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, damals Redakteur für den SFB in West-Berlin. Sie treffen sich in der Szenekneipe «Kuckucksei». Alle können es kaum fassen, dass die Mauer offen ist. Im Oktober hatten Schefke und Radomski noch heimlich die Montagsdemonstrationen in Leipzig gefilmt und die Bilder in den Westen schmuggeln lassen. Später werden sie für ihren Mut mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Dass beide in der historischen Nacht des 9. November ausgebürgert wurden, geht im Freudentaumel unter. In den ersten Stunden der neuen Ausreisereglung nutzt die DDR noch den Ausbürgerungsstempel, um Ausreisewillige loszuwerden. «Unsere Pässe waren ungültig gestempelt worden, aber es herrschte Ausnahmezustand. Sämtliche Regeln waren außer Kraft gesetzt», erinnert sich Radomski. In den frühen Morgenstunden kehrt er wieder zurück in den Osten, in den Prenzlauer Berg. «Ich war einfach müde und wollte nach Hause.»