Freiheit und Liebe

Drei Jahrzehnte lang tourten die Hippie-Rocker von Grateful Dead durch die USA. Tausende treuer Fans folgten ihnen dabei von Show zu Show. Zum 50. Jubiläum haben sich die Musiker noch einmal vereint. Ein neues Box-Set erinnert an die legendäre Band.

"Unser Publikum kommt nicht, um Theater zu sehen. Stattdessen kriegen die Leute mit, dass wir kein Stück aufführen, sondern eine Band sind, die ernsthaft versucht, etwas zustande zu bringen, etwas Einzigartiges. Und etwas, von dem wir selbst nicht so genau wissen, was es ist."

Mit diesen markigen Worten, bereits 1978 ausgesprochen, brachte Jerry Garcia auf den Punkt, wofür seine Band steht. Der Mann aus San Francisco, 1942 geboren und 1995 gestorben, stand einer Formation vor, die mit dem banalen Terminus "Band" allerdings nur unzureichend definiert wird. Grateful Dead ist eine Institution, das personifizierte Sinnbild für Gegenbewegung, der Inbegriff fürs Hippie-Dasein. Und feierte in ihrer Heimat USA mit Abstand die größten Erfolge, weil sie nunmal ein ur-amerikanisches Phänomen sind.



So ist der Name "Grateful Dead" in den Vereinigten Staaten praktisch jedem geläufig, egal ob Jung oder Alt, ganz im Gegensatz zum Rest der Welt. Wobei die Kernbotschaften des Projekts, basierend auf "Freiheit", "Liebe" und "Selbstbestimmung", stark polarisierten und definitiv nicht von jedem Amerikaner geteilt werden. Dafür von der Millionen-starken Anhängerschaft umso glühender.

Grateful Dead waren seit ihrer Gründung in Kalifornien 1965 definitiv weit mehr als eine weitere Rock-Gruppe. Sie waren ein Gesamtkunstwerk, kreativ wie politisch. Die Konzerte dauerten nicht nur schon mal vier Stunden, immer wieder bei freiem Eintritt, sondern Garcia & Co. äußerten sich regelmäßig kritisch zu sozialen Themen, sie initiierten Stiftungen. Bis heute setzen sich die verbliebenen Mitstreiter engagiert für Randgruppen, Obdachlose, Umweltfragen und radikale Basis-Demokratie ein.

Woher aber rührt sie, diese Ikonisierung jener Ausnahme-Crew? Es liegt nicht so sehr an der Musik: Die "Dead", wie sie gerne salopp genannt werden, spielten in drei Dekaden gerade mal 13 Studioalben ein, rund die Hälfte davon sind eher von mauer künstlerischer Qualität. Den Millionen-Umsatz machte die Freak-Kommune stattdessen mit ihren Live-Auftritten. Den Großteil ihrer Zeit bis zu Jerry Garcias Tod 1995 verbrachte die Formation "on the road".

20 Jahre lang hielten die langjährigen "Dead"-Mitstreiter Bob Weir, Phil Lesh, Bill Kreutzmann und Mickey Hart den Ball flach, was Öffentlichkeitsarbeit für ihre Kombo betraf. 2015 allerdings kamen sie dem Druck der nach wie vor Millionen-fachen Anhängerschaft nicht mehr aus: "Als wir uns 2012 vage darüber unterhielten, in welcher Form wir dem 50. Jubiläum von The Grateful Dead Ehre erweisen könnten, war uns klar, dass wir etwas Beispielloses auf die Beine stellen wollten. Wir alle waren von der Idee begeistert, mit dem Live-Vermächtnis der Band einen Gesamtüberblick ihres Schaffens zu geben. Ganze Konzerte erzählen schließlich die beste Geschichte", erklärt Band-Archivar und -Produzent David Lemieux. "Zudem wollte der Grateful-Dead-Torso noch ein letztes Mal auf die Bühne steigen."

Unveröffentlichte Konzerte

Und so kam eines zum anderen: Am 18. September erscheint "Thirty Trips Around The Sun". Die Sammlung enthält 30 bisher unveröffentlichte Live-Shows der Band, eine aus jedem Jahr ihres 30-jährigen Bandbestehens von 1966 bis 1995, inklusive eines Tracks, der einer ihrer frühesten Aufnahmesessions von 1965 entstammt. Die komplette Sammlung ist in limitierter, individuell nummerierter Auflage vorbestellbar, ausschließlich über dead.net als 80(!)-CD-Box-Set, gefüllt mit über 73 Stunden Musik. Am selben Tag wird, für "Deadheads" mit schmalerem Portemonnaie, eine Vier-CD-Version der Sammlung unter dem Titel "Thirty Trips Around The Sun: The Definitive Live-Story 1965-1995" bei "Warner Music" veröffentlicht.

Live fand die lange und aufregende Reise von Grateful Dead durch die Musikgeschichte bereits im Sommer in Form von fünf Konzerten einen abschließenden Höhepunkt: Unter der Headline "Fare Thee Well: Celebrating 50 Years Of Grateful Dead" erklommen Weir, Lesh, Kreutzmann und Hart Ende Juni zwei Mal im "Levi's Stadium" im Kalifornischen Santa Clara die Bühne, Anfang Juli für drei Konzerte die Bühnenbretter im "Soldier Field" von Chicago. Und das war es?

Nein, "Deadheads", keine Bange vor dem endgültigen Aus dieser Institution: Vor wenigen Tagen, nur rund einen Monat nach der Abschiedstournee der Gruppe, haben drei ihrer Mitglieder ein weiteres Konzert in New York angekündigt. Gitarrist Bob Weir sowie die Schlagzeuger Mickey Hart und Bill Kreutzmann wollen am 31. Oktober im "Madison Square Garden" unter dem Namen "Dead and Company" auftreten. Die Plakate dafür sind angeblich schon gedruckt. Hippies gehen nicht einfach mal so in Rente.
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