Gebeugt, aber nicht gebrochen

Harry Wörz bespricht sich vor dem Landgericht Karlsruhe mit seiner Anwältin Sandra Forkert-Hosser. Wörz war 1998 wegen versuchten Totschlags an seiner Frau verurteilt worden und saß viereinhalb Jahre unschuldig im Gefängnis. Er stritt 13 Jahre vor verschiedenen Gerichten, bis er im Dezember 2010 rehabilitiert wurde. Bild: dpa

Welche beruflichen Aussichten hätte Harry Wörz gehabt, wenn er nicht zu Unrecht viereinhalb Jahre ins Gefängnis gekommen wäre? Wie kann er fair entschädigt werden? Ein Gericht schlägt nun eine Nachbesserung vor.

Im neuen Entschädigungsprozess des Justizopfers Harry Wörz hat das Landgericht Karlsruhe am Montag einen Vergleich angeregt. Danach sollen Wörz unter anderem bei der staatlichen Ausgleichszahlung die Berufsjahre 2002 bis 2010 mit Abschlägen angerechnet werden. Beide Seiten haben nun einen Monat Zeit, über den Vorschlag nachzudenken.

Keine einfachen Antworten

Der 49-Jährige aus Birkenfeld bei Pforzheim steht für einen der spektakulärsten Justizirrtümer Deutschlands: Er war 1998 wegen versuchten Totschlags an seiner damaligen Frau verurteilt worden und saß viereinhalb Jahre unschuldig im Gefängnis. Er stritt 13 Jahre vor verschiedenen Gerichten, bis er im Dezember 2010 rehabilitiert wurde. Der erneute Prozess begann für Wörz mit detaillierten Fragen der Richter zu Bewerbungen im Jahr 1996 und seinen Aussichten auf Jobs als Bauzeichner, zu dem er sich vor seiner Verurteilung weitergebildet hatte. Das ist für das Gericht wegen der Entschädigungsfrage wichtig. Doch es sind Fragen, auf die Wörz nach so langer Zeit nicht immer Antworten wusste.

Noch gut vor Augen stand ihm hingegen die Zeit nach dem Gefängnis und seine schwierige Suche nach Arbeit. "Man weiß nicht, wann man dich wieder ins Gefängnis tut", hätten Arbeitgeber wiederholt gesagt. "Es hing immer alles in der Luft." In der Bäckerei, als Staplerfahrer oder als Lagerarbeiter: Die wechselnden Jobs, die er nach dem Gefängnis hatte, habe er nur über Freunde und Bekannte bekommen. Bislang hat der Staat dem Installateur knapp 156 000 Euro zugebilligt. Wörz will vom Land Baden-Württemberg zusätzlich 86 000 Euro für seinen Verdienstausfall. Außerdem verlangt er einen Ausgleich der Kosten für Anwälte und Möbel aus seiner wegen der Haft aufgelösten Wohnung in Höhe von 26 000 Euro. Schließlich fordert er eine Berufsunfähigkeitsrente über das Jahr 2016 hinaus.

Ohne Schlaf und depressiv

Wörz leidet nach eigenen Angaben seit dem Gefängnis unter Schlaflosigkeit und seit zehn Jahren unter Depressionen; seitdem sei er nur noch auf "Notstromaggregat". Seit Mitte 2010 ist er krankgeschrieben. Die Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe wollte bislang nicht alle Ansprüche anerkennen und ließ die Fortzahlung der Berufsunfähigkeitsrente offen.

Wörz war vorgeworfen worden, 1997 seine damals von ihm getrennt lebende Frau mit einem Schal fast zu Tode gewürgt zu haben. Die frühere Polizistin ist heute ein schwerer Pflegefall und kann sich nicht mehr mitteilen. Wer die Tat verübte, wurde nie aufgeklärt.
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