Gedenken mit Tränen und Trotz

Der 35. Jahrestag des blutigen Oktoberfestattentats steht unter einem neuen Vorzeichen: Es wird wieder ermittelt. Die rechtsextremistischen Hintergründe sind bis heute ungeklärt. Die Opfer leiden bis heute - und pochen weiter auf Aufklärung.

Tränen, Hoffnung auf Sühne und ein Aufruf gegen Extremismus: Zum 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats haben am Samstag Überlebende und Angehörige, Politiker und Vertreter der Gesellschaft der Opfer gedacht - ein Zeichen gegen Gewalt und eine Mahnung, den schwersten Anschlag in der bundesdeutschen Geschichte endlich aufzuklären. Am 26. September 1980 kurz nach 22 Uhr hatte an der Stelle am Wiesn-Haupteingang eine Bombe zwölf Festbesucher in den Tod gerissen und mehr als 200 verletzt. Dabei starb auch der Attentäter Gundolf Köhler, ein früherer Anhänger der rechtsextremistischen "Wehrsportgruppe Hoffmann".

Hintergründe ungeklärt

Das Attentat steht in einem bis heute ungeklärten rechtsextremen Zusammenhang. Die Bundesanwaltschaft hatte nach jahrzehntelangen Forderungen im vergangenen Dezember die Ermittlungen neu gestartet.

"Auch das gehört zur Wiesn. Auch das bleibt untrennbar mit dem größten Volksfest der Welt verbunden", erinnerte Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) bei der Gedenkveranstaltung. Noch heute seien viele Opfer, deren Angehörige, aber auch Helfer von damals traumatisiert. Sie litten bis heute, körperlich oder seelisch. Eine Frau, damals von Splittern am Arm verletzt, steht weinend an dem Mahnmal aus Stahl und der Stele mit den Namen der Toten. "Mir kommen immer wieder diese Bilder hoch."

Ein anderes Opfer berichtet, er sei mehrfach operiert worden, zuletzt 2012. Wieder sei einer der geschätzt 30 Splitter in seinem Köper gewandert. "Das kann immer wieder passieren." Gelbe Kärtchen mit den Namen aller Verletzten und Toten, Blumenkränze und rote Nelken erinnerten an die Bluttat. Erinnern bedeute aber auch, sich der Gefahr des Rechtsterrorismus bewusst zu werden und sich gegen rassistische Ideologien zu stellen, sagte Reiter. Dass das Wiesn-Attentat auch nach über drei Jahrzehnten nicht in Vergessenheit geraten sei, habe dazu beigetragen, dass genügend Druck für die Wiederaufnahme des Verfahrens aufgebaut worden sei.

"Alles offenlegen"

Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte, es sei nun wichtig, dass alles offengelegt werde. Die bayerische Polizei werde dies mit aller Kraft unterstützen. "Das schulden wir den Opfern und ihren Angehörigen." Die Gefahr, die von der Wehrsportgruppe Hoffmann ausgehen konnte, sei damals "leider" von einigen Verantwortlichen "kolossal unterschätzt" worden. Es gehe darum, die kritische Auseinandersetzung mit dem Attentat wach zu halten, sagte Melanie Geigenberger, Sprecherin der DGB Jugend, die alljährlich die Veranstaltung mitorganisiert.

Die Stadt München will das Attentat nun wissenschaftlich aufarbeiten. Interviews mit Überlebenden sollen dokumentiert und dann Schulen bereit gestellt werden. Gegen das Vergessen. Viele Wiesnbesucher wissen nämlich gar nicht, was hier geschah.
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