Gefährliche «Superkeime» im Krankenhaus

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Die Bilder zeigen Hände, die einmal unzureichend desinfiziert wurden (oben) und einmal richtig. Unter Schwarzlicht leuchten dabei die mit Desinfektionsmittel in Berührung gekommen Handflächen blau. Bild: Marius Becker⁄dpa

Rund 35.000 Menschen erkranken Schätzungen zufolge jährlich bundesweit an dem gefährlichen Krankenhauskeim MRSA. Etwa 1500 sterben an dem Erreger, der gegen Antibiotika resistent ist. Infektionen mit MRSA sind nicht nur in Kliniken, sondern auch in Pflegeeinrichtungen und Altenheimen ein wachsendes Problem. MRSA steht für Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus, ein Staphylokokken-Keim, der durch den weltweit häufigen Einsatz von Antibiotika vor allem gegen das Breitband-Antibiotikum Methicillin unempfindlich geworden ist. Der Erreger kommt auf der Haut und in den Schleimhäuten der oberen Atemwege vor.



Gesunde erkranken selten an MRSA. Auch für die meisten Krankenhauspatienten ist er nicht gefährlich. Sie können den Erreger aber weitertragen und andere gefährden. Kritisch wird es, wenn die resistente Variante des Bakteriums kranke Menschen befällt, die offene Wunden haben oder deren Abwehr geschwächt ist. MRSA kann Lungenentzündungen, Blutvergiftungen oder andere Infektionen auslösen, die bisweilen tödlich sein

Krankenhausinfektionen sind Infektionserkrankungen, die sich bei Klinikpatienten innerhalb von 48 Stunden nach der stationären Aufnahme entwickeln. Dies bedeutet nicht zwingend, dass die Behandlung im Krankenhaus Ursache der Ansteckung ist. Der Begriff sagt nur etwas über den zeitlichen Aspekt aus. Oft entstehen diese Krankenhausinfektionen durch körpereigene Mikroorganismen des Patienten, die unter bestimmten Bedingungen in eigentlich sterile Körperbereiche gelangen. Dies kann zum Beispiel durch Operationen oder Venen- und Blasenkatheter begünstigt werden. Solche Infektionen können nur teilweise vermieden werden. Anfällig sind vor allem ältere, chronisch kranke oder mehrfach verletzte Menschen und Patienten mit einem geschwächten Immunsystem.

Keime, die gegen Antibiotika resistent sind, stellen für die Medizin ein zunehmendes Problem dar. Gerade abwehrgeschwächte Menschen seien gefährdet, warnen Fachleute. Darmbakterien, die Antibiotika wie Penicillin durch genetische Veränderungen mit Hilfe von Enzymen ausschalten, sind eine ständige Bedrohung. Sie werden auch ESBL-Bildner genannt - die Abkürzung für Extended-Spectrum-Beta-Laktamasen. ESBL bezeichnet also keinen bestimmten Keim, sondern die Eigenschaft unterschiedlicher Keime, Antibiotika zu inaktivieren. Obwohl ESBL nicht so leicht übertragbar ist wie der Krankenhauskeim MRSA, nehmen die Infektionen damit stark zu.

Hauptursache für die Entstehung multiresistenter Bakterien sind der unkritische Einsatz von Antibiotika und unzureichende Hygiene, warnen Mediziner. Der Nachweis von ESBL ist aufwendig und dauert mehrere Tage. Die Übertragung erfolgt meist über verunreinigte Hände. Gefahr droht vor allem bei Harnwegs- und Hautinfektionen sowie bei Sepsis - im Volksmund oft «Blutvergiftung» genannt.

Fachleute schätzen die Zahl der Infektionen durch multiresistente Erreger in Deutschland auf insgesamt 400.000, die der Todesfälle auf 10.000 im Jahr. Insbesondere bei den ESBL-bildenden Darmbakterien sei die Zunahme gefährlich. Denn für diese Erreger gebe es in absehbarer Zeit keine neuen Antibiotika. Manche Darmbakterien sind bereits gegen alle bekannten Antibiotika resistent. Ärzte fordern daher einen sparsameren Umgang damit.

Netzwerke gegen Keime

Im Kampf gegen die Gefahren, die von diesen "Superkeimen" ausgehen, haben sich auf Bundes- und Länderebene Initiativen und Arbeitsgemeinschaften gegründet. Sie informieren und geben Tipps zur Vorsorge.

Die "Aktion saubere Hände" ist eine nationale Kampagne zur Verbesserung der Einhaltung der Händedesinfektion in deutschen Gesundheitseinrichtungen. 2008 ging die Kampagne mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit, vom Nationalen Referenzzentrum für Surveillance nosokomialer Infektionen (NRZ), dem Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) sowie der Gesellschaft für Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen (GQMG) an den Start.

"Aktion saubere Hände" basiert auf der Kampagne der Weltgesundheitsorganisation WHO "Clean Care is Safer Care". Die WHO versucht unter anderem in einem Video, die Menschen für das Thema zu sensinilisieren



Ziel ist es, die Patientensicherheit zu verbessern. Eine der möglichen Maßnahmen ist die Verbesserung des Händehygieneverhaltens in Gesundheitseinrichtungen als eine grundlegende Maßnahme zur Vermeidung von Übertragungen und Infektionen.

In den einzelnen Bundesländern gibt es Landesarbeitsgemeinschaften zu dem Thema. In Bayern ist dies die Landesarbeitsgemeinschaft Multiresistente Erreger (LARE). Aufgabe des Netzwerks ist es unter anderem, Antworten auf die Fragen zum Umgang mit multiresistenten Erregern in der medizinischen Versorgung zu geben - fachbereichsübergreifend.

Hygieneärzte: Fachleute zur Verhinderung von Krankenhausinfektionen

Krank durch Infektionen im Krankenhaus - diesen Teufelskreis sollen Hygieneärzte in Kliniken durchbrechen. Nach dem Tod von Säuglingen in der Frühchenstation eines Bremer Krankenhauses forderten 2012 Politiker wie der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach mehr hauptamtliche Hygieneärzte in Kliniken. Diese medizinische Fachrichtung ist in der Öffentlichkeit eher unbekannt.

Fragen und Antworten zu Hygieneärzten

Wie arbeitet ein Hygienearzt im Krankenhaus?

Hygieneärzte achten darauf, dass alle Hygieneregeln auch wirklich eingehalten werden. Sie sollen mögliche «Hygienefallen» entdecken. Das reicht vom Händewaschen bei Ärzten und Pflegepersonal über die Sterilisierung von medizinischen Geräten und Werkzeugen bis hin zur Einhaltung der Reinheitsvorschriften im gesamten Gebäude. Damit soll vor allem verhindert werden, dass Patienten mit Krankheitserregern in Kontakt kommen und an einer vermeidbaren Infektion erkranken.

Was für eine Ausbildung haben Hygieneärzte?

Sie haben in der Regel eine mehrjährige Facharztausbildung durchlaufen, entweder in Hygiene und Umweltmedizin oder in Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie. Daneben gibt es Hygienebeauftragte, die sich auf diesem Gebiet fortgebildet haben.

Welche Vorschriften gibt es für Kliniken, wenn es um Hygieneärzte geht?

Die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention hat 2009 personelle Empfehlungen für Kliniken ausgesprochen. Danach sollen zum Beispiel Häuser mit mehr als 400 Betten einen hauptamtlichen Krankenhaushygieniker beschäftigen. Das Infektionsschutzgesetzhat in Paragraf 23 festgelegt, dass die Landesregierungen bis zum 31. März 2012 Rechtsverordnungen für Krankenhäuser schaffen müssen. Dabei geht es auch um die erforderliche personelle Ausstattung mit Hygienefachkräften. Bis Ende 2016 soll ausreichend Fachpersonal qualifiziert sein.

Wie weit sind diese Maßnahmen schon umgesetzt?

Nach einem Bericht der «Ärzte-Zeitung» vom Februar 2012 hatten rund zwei Drittel der Kliniken mit mehr als 400 Betten für Hygieneärzte gesorgt. Ein Drittel hatten dieses Ziel aber noch nicht erreicht. In Kliniken mit mehr als 600 Betten sind nach einer Befragung des Deutschen Krankenhausinstituts aus dem Jahr 2012 rund 1,6 hauptamtliche Hygiene-Fachärzte tätig, in kleineren Krankenhäusern aber nur 0,5 oder noch weniger. Nach einer Umfrage verbrachten viele Hygieneärzte auch rund die Hälfte ihrer Zeit mit fachfremden, meist organisatorischen Aufgaben.

Wissen im Internet verbreiten

Institutionen, Organisationen und Behörden, die sich mit dem Thema "Superkeime" und deren Erforschung sowie dem Umgang damit beschäftigen, teilen ihr Wissen im Internet.

Hier ein Überblick über die wohl wichtigsten Seiten:

Robert Koch-Institut (Krankenhaushygiene)
European Centre of Disease Prevention and Control (Englisch)
Europäische Forschung über Antibiotika Resistenzen
Paul-Ehrlich-Institut
Center for Disease Control (Englisch)
Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit
Bundesinstitut für Risikobewertung

Fachgesellschaften
Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene
Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin
Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie

Netzwerke und Initiativen

Antibiotikaresistenz Surveillance
Nationales Referenzzentrum für nosokomiale Infektionen
Aktion saubere Hände
Antiinfektiva Surveillance
Derzeit einzige MRSA-Selbsthilfegruppe