Gegner und Parteifreunde erinnern sich an FJS
Bayerns finstere Lichtgestalt

Bild: dpa (Archiv)
Amberg/Weiden. Man liebte oder man hasste ihn. Noch in den 1980er Jahren ist die Atmosphäre politisch aufgeladen. In Wackersdorf tobt eine Abwehrschlacht. Erbitterte Gegner und Parteifreunde erinnern sich.

Mit Franz Josef Strauß legt man sich nicht an. Wer es aber doch tut, kann den großen CSU-Vorsitzenden auch mal stoppen. Wie jener kleine Verkehrspolizist, der am 29. April 1958 den Wagen des Verteidigungsministers anhält und deshalb von diesem mit Furor verfolgt wird. Siegfried Hahlbohm kann sich aber juristisch genauso behaupten, wie die Regensburger Schülerin, die nach dem polarisierenden Wahlkampf 1980 um das Kanzleramt wegen ihres "Stoppt Strauß"-Stickers vom Albertus-Magnus-Gymnasium verwiesen wird. Christine Schanderl, heute Roth, klagt sich durch alle Instanzen - und der Bayerische Verfassungsgerichtshof gibt ihr schließlich Recht.

Man braucht einen langen Atem, wenn man gegen den barocken Münchener mit dem besten Abitur seines Jahrgangs antritt. Einen langen Atem hat Hans Schuierer, Speerspitze des Widerstands gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Strauß und seine Minister versuchen den damaligen Schwandorfer Landrat mit aller disziplinarischer Macht aus dem Amt zu drängen. Wer sich den atomaren Ambitionen des Atomministers in den Weg stellt, muss ein "Steigbügelhalter des Kommunismus" sein.

"Da sich der brave Sozialdemokrat nicht beugt, entwickeln Strauß' Adlaten kuriose Fantasien: "Bei einer Katastrophenschutzübung sollte das Attentat einer pazifistischen Organisation auf den Landrat durchgespielt werden", sagt Schuierer, der das Ganze für eine lächerliche Farce hält. Ein Mitarbeiter informiert ihn, die Szene wird abgeblasen. Wirkungsvoller und bis heute nicht revidiert ist die "Lex Schuierer". Weil sich der Landrat gegen das Genehmigungsverfahren sträubt, entmachtet die Staatsregierung das Landratsamt und zieht das Prozedere an sich. "Ein in der Bundesrepublik einmaliger Vorgang", wundert sich Schuierer, dass sich die Landräte und Bürgermeister nicht wehren.

Gescheitertes Genie

Trotz aller Kraftmeierei steht FJS zum Schluss oft mit leeren Händen da. Das Amtsenthebungsverfahren scheitert an der Justiz. Und die Wiederaufbereitungsanlage am Widerstand und dem Widerwillen der Wirtschaft. "Natürlich freut man sich, wenn man nach einem Machtkampf mit Strauß nicht als Verlierer dasteht", empfindet Schuierer Genugtuung nach jahrelangem Mobbing.

"Er war ein Genie - und er ist gescheitert", bilanziert Straußens Weggefährte Friedrich Zimmermann. Gescheitert als Bundespolitiker, der das eigentliche Ziel, die Kanzlerschaft verfehlte. Hermann Fellner, eigentlich Fan des ehemaligen Bundesinnenministers, kann mit der Zuschreibung wenig anfangen: "Er war weder ein Genie, noch ist er gescheitert", findet der Träglhofer (Amberg-Sulzbach), der 1980 als jüngster Kandidat für den Bundestag Strauß' Kanzler-Wahlkampf miterlebt. "Vielleicht an seinem Stil", schiebt er nach.

Fellners politisches Vorbild habe immer polarisiert - und er sei wie Strauß "Mitglied im Verein der Freunde deutlicher Worte": "Wenn man darstellen will, worum es geht, muss man zuspitzen." Daran kranke es in der zunehmend konfliktscheuen Politik heute. Die Volksparteien seien austauschbar, eine sinkende Wahlbeteiligung die Quittung. "Das wirkt grob", gibt Fellner zu, "und das hat auch mir das Image eines Grobians eingebracht."

Maria Geiss-Wittmann, erste weibliche Landtagsabgeordnete (1970-86), lernt den bulligen Mann von einer anderen Seite kennen: "Im persönlichen Gespräch zeigte er eine Sensibilität, die man ihm nicht zutraute." Sie habe den CSU-Vorsitzenden bei sich zu Hause als Familienmensch erlebt: "Seine Frau Marianne hat unseren Frauenarbeitskreis eingeladen", sagt die langjährige Vorsitzende von Donum Vitae. "Er hat sich Zeit genommen - ob er uns Ernst genommen hat, weiß ich nicht."

Rudolf Kraus, Bezirksvorsitzender der Seniorenunion, zeichnet ein differenziertes Bild des Polterers. "Ich war als frisch gewählter Bundestagsabgeordneter beim Trennungsbeschluss der Kreuther Landesgruppensitzung 1976 mit dabei und habe mich dagegen ausgesprochen." Der spätere Staatssekretär im Bundessozialministerium will den Unionsparteien den Spaltungspilz der SPD ersparen. "Strauß war sachlich, er hat niemandem einen Vorwurf gemacht." Zwar habe er sich auch wahnsinnig aufregen können, aber: "Am nächsten Tag war's vorbei."

Was sind seine größten Leistungen? Seine Rolle als Antreiber der Regierung Adenauer und der Westintegration? Die Gestaltung des erfolgreichen Umbruchs Bayerns vom Agrarland zum Industriestandort?

"Er ist der Erfinder des Mottos ,Laptop und Lederhose'," fasst Fellner zusammen. Er habe bei der Ansiedlung von BMW in Regensburg seinen Einfluss spielen lassen und auch den Rhein-Main-Donau-Kanal durchgesetzt. Zukunftstechnologie sei ihm näher gewesen als alte Strukturen: "Er hat sich für die Maxhütte eingesetzt, aber die Sonderhilfen für Airbus waren ihm wichtiger." Als Fellner nach einer Sitzung in Bonn nachhakt, wie's mit der Maxhütte weitergehe, habe ihn Strauß angebrüllt: "Ich kann nicht jeden Scheiß in die Staatskanzlei holen."

Was waren die größten Irrtümer des politischen Urviechs: Seine Ausgrenzung Andersdenkender - Stichwort Spiegel-Affäre? Seine aufgehaltene Hand, in die Industrielle viel Geld versenkten? Widersprüche wie der Milliarden-Kredit für die DDR - oder der Wirklichkeitsverlust, andere wie Kiesinger, Brandt, Schmidt oder Kohl als Deppen zu betrachten?

"Er war der richtige Politiker in seiner Zeit", drückt sich Geiß-Wittmann elegant aus. Vieles würde man heute anders einschätzen, meint Rudolf Kraus. Als falsch empfindet er, dass der Überflieger die Besteuerung des Flugbenzins verhindert: "Das haben die Leute als ungerecht empfunden." Ist Horst Seehofer, der wendige Populist, ein Verräter der Strauß'schen Linie oder geschicktester Erbe seines radikalen Pragmatismus? "Wenn ein Politiker seine Meinung ändert, weil sich die Situation geändert hat, ist das nicht verwerflich", findet Kraus.

Wer soll nun das Erbe dieses christsozialen Denkmals verwalten? "Ich kann mir nur Söder vorstellen, der sein Metier beherrscht", setzt Fellner auf den Mittelfranken. "Die Oberbayern meinen, alle müssen nach ihre Pfeife tanzen - das pack' ich nicht."
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