Gelebte Integration

Er kommt aus Würzburg, ist 60 Jahre alt und Arzt. Der Unterfranke Josef Schuster ist am Sonntag der einzige Kandidat für das Amt des Präsidenten im Zentralrat der Juden in Deutschland.

Wie ist das deutsch-jüdische Verhältnis? Über solche Fragen kann sich Josef Schuster aufregen. Laut wird der 60-Jährige trotzdem nicht. Die Formulierung lege nahe, dass deutsch und jüdisch zwei gegensätzliche Positionen seien, erklärt er. "Ich allerdings bin deutsch und jüdisch", betont der Internist aus Würzburg, der am Sonntag wohl die Nachfolge von Dieter Graumann als Präsident des Zentralrats der Juden antritt. Schuster ist bisher einziger Kandidat.

Seit 2010 ist der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Würzburg bereits Vizepräsident des Gremiums, seit 2002 steht er zudem an der Spitze des Landesverbandes seiner Religionsgemeinschaft in Bayern. Er kennt die Momente, wenn Vertreter jüdischen Glaubens als Mahner gefragt sind, etwa dann, als im Sommer 2014 antisemitische Parolen bei Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg zu hören waren.

Schuster macht sich Sorgen über solche Vorfälle. Eine Rückkehr der 1930er Jahre sieht er aber nicht. Damals sei Antisemitismus staatlich verordnet gewesen, betont er immer wieder. Schuster möchte aber nicht nur über diese Themen sprechen. Vielmehr wünscht er sich, dass auch etwas Positives über das jüdische Leben im Deutschland des Jahres 2014 berichtet wird. Immerhin sind die Kultusgemeinden seit den 1990er Jahren durch Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion stark gewachsen - für Schuster ein großer Vertrauensbeweis in die deutsche Demokratie.

Integration klappt

In Würzburg hat er zudem bewiesen, dass die Integration der Zuwanderer funktioniert. Etwa 200 Mitglieder hatte die Gemeinde bei der Wiedervereinigung, mittlerweile sind es über 1000. Sichtbares Zeichen für das lebendige Judentum ist das 2006 eingeweihte Gemeindezentrum "Shalom Europa".

Schuster gehört zur Nachkriegsgeneration. 1954 in Haifa geboren, kam er im Alter von zwei Jahren nach Unterfranken. Sein ganzes Leben hat er mehr oder weniger in Würzburg verbracht: Nach Abitur und Medizinstudium absolvierte er seine Facharztausbildung im Juliusspital. Seit 1988 hat der verheiratete Vater zweier Kinder seine eigene Praxis, engagiert sich als Notarzt im Rettungsdienst und bei der Wasserwacht. Schon immer habe er Würzburg als sehr lebenswert empfunden, sagt Schuster.

Flucht aus Deutschland

Seine Familiengeschichte lässt sich in Unterfranken mehr als 400 Jahre zurückverfolgen. Während des NS-Regimes floh die Familie jedoch aus Deutschland. Großvater und Vater wurden 1937 in Haft genommen, kamen in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald. Die Familie wurde enteignet, verlor ihr Hotel in Bad Brückenau, hatte 1938 schließlich nur wenige Tage Zeit, der Heimat den Rücken zu kehren. 1956 wagten die Schusters die Rückkehr aus Israel. Vater David erhielt einen Lehrauftrag für Jüdische Geschichte an der Universität Würzburg.

In seinem neuen Amt wird Schuster sich durchaus politisch einmischen, wenn es um die Themen Rassismus und Antisemitismus geht. Im christlichen-jüdischen Dialog bringt er gute Erfahrungen aus Würzburg mit. Außerdem sind für ihn der katholische Bischofskonferenz-Vorsitzende, Kardinal Reinhard Marx, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm durch die Zusammenarbeit in Bayern keine Unbekannten. "Man muss sich nicht erst kennenlernen."
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