Gelungenes Projekt im Antonius-Kindergarten Hirschau
Spielen ohne Spielzeug

Hirschau. (ads) Ein spielzeugfreier Kindergarten - undenkbar! Das ist wohl die erste Reaktion eines jeden, dem man mit so einer Idee kommt. Dass sie aber hervorragend funktioniert und sogar noch Vorteile mit sich bringt, zeigte sich im Antonius-Kindergarten in Hirschau.

Die Kindergarten-Leiterinnen Alexandra Birzer und Evelyn Högl hatten eine dritte Auflage des Projekts gestartet, nachdem es in den Jahren 2001 und 2003 schon sehr erfolgreich gelaufen war.

Verblüffende Ideen

Und das funktionierte so: Innerhalb von einer Woche wurden aus dem Kindergarten alle Spielzeuge entfernt, wobei die Kinder die Reihenfolge selbst bestimmten. "Die Kinder legten große Kreativität und ebenso viel Fantasie an den Tag und entwickelten Spielideen, die uns als Erzieherinnen verblüfften", so Alexandra Birzer.

Das waren etwa ein Zahnradbau, die Konstruktion und Verlegung einer Wasserleitung oder der Bau von Wassergruben und Dämmen. Garten-Küche, Detektive, Eisdiele und Feuerwehr hießen die Rollenspiele (teils unter Einbeziehung der Möbel), die die Kinder entwickelten. Sie bastelten sich auch Puppen für ein Puppentheater selbst.

Oma- und Opa-Tag

Zufällig sei aus einem Spiel auch ein "Arbeitseinsatz" geworden, als die Kinder mithalfen, ein Loch für einen Reifen als "Prellschutz" zu graben, erzählt Alexandra Birzer. Das Projekt gipfelte in einem Oma- und Opa-Tag, wo die Großeltern interviewt wurden, was sie früher so ohne "typisches Spielzeug" gespielt hatten. "Uns war es wichtig, dass die Kinder ihre eigenen Spielideen entwickeln und umsetzen. Das erforderliche Material stellten die Erzieherinnen bereit", erläutert Alexandra Birzer.

Ihr sei auch aufgefallen, dass das Projekt größere Spielgruppen forderte und folgende Phasen zu beobachten waren: Ideenentwicklung, Planungsphase, Materialbeschaffung, die Bauphase und Problemlösung, wobei es sehr sachliche Diskussionen, Ergänzungen und Umbauten und Optimierungen gab.

Weniger Spielsachen

"Die Mehrheit der Kinder hatte überhaupt kein Problem mit den fehlenden Spielsachen und hat sie gar nicht sehr vermisst", resümiert Alexandra Birzer. Am Ende des Projekts konnten die Kinder dann wieder bestimmen, in welcher Reihenfolge und wie viele Spielsachen sie wieder einräumen möchten - und siehe da: "Die Kinder wollten gar nicht mehr so viele Spielsachen."

Hintergrund

Der "spielzeugfreie Kindergarten" entstand 1992 als ein Projekt zur Suchtprävention für und mit Kindern, weiß Alexandra Birzer. Erklärtes Ziel ist dabei, dem Kind Frei-Raum, Zeit und Entfaltungsmöglichkeiten zu sichern: "Es geht bei diesem Projekt darum, wieder Spielraum zu schaffen für Fantasie und Kreativität und damit auch für Selbstbestätigung und Selbstbewusstsein, sprich: um die Stärkung der Persönlichkeit der Kinder bereits im Kleinkindalter."

Das Angebot für das Projekt sei vom Gesundheitsamt des Landkreises gekommen, wo Diplom-Sozialpädagoge Gerhard Fleischmann auch die Umsetzung vor Ort begleitete. Laut Fleischmann ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen die vielfältige "Lebenskompetenzen" entwickelt haben, weniger suchtgefährdet sind.

Zu diesen Lebenskompetenzen zählten etwa ein sicherer Umgang mit der Sprache, Beziehungsfähigkeit, verstärkte Wahrnehmung persönlicher Bedürfnisse und die Entwicklung von Selbstvertrauen. "Dazu gehört auch die Erfahrung, dass nicht alles klappt, dass man Fehler macht und dass man Niederlagen aushalten muss", betont Fleischmann.
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