Gericht verurteilt Geisterfahrer zu drei Jahren und drei Monaten Haft
Filmreife Jagd durch die Oberpfalz

Bild: dpa
Weiden. (ca) Der Geisterfahrer, der am Montagabend, 24. März 2014, über eine Strecke von 30 Kilometer die Autobahn A93 nach Norden raste, muss in Haft. Das Schöffengericht unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Gerhard Heindl verurteilte den 32-jährigen Handwerker aus dem Landkreis Schwandorf am Donnerstag zu drei Jahren und drei Monaten Haft wegen vorsätzlicher
Gefährdung, Eingriffs und Trunkenheit im Straßenverkehr sowie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte.

Der Audifahrer hatte dabei mehrmals direkt auf entgegenkommende zivile Fahrzeuge zugehalten und mehrere Polizeiautos abgedrängt: "Das ist ziemlich einzigartig. Ich bin lange bei der bayerischen Justiz, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt", sagte Heindl. Dass die Geisterfahrt und die folgende Verfolgungsjagd mit 18 Polizeistreifen ohne Verletzte und Tote ausging, sei ein
erstaunliches Glück. Richter Heindl blieb nur knapp unter der Forderung von Staatsanwältin Susanne Pamler, die drei Jahre und sechs Monate Haft gefordert hatte. Pamler: "Es ist ein Wunder, dass nicht passiert ist, was auf so einer viel befahrenen Autobahn passieren könnte. Wir hätten heute auch über Tote reden können."

Verteidigerin Ursula Glatzl forderte eine Bewährungsstrafe von maximal zwei Jahren. Ihr Mandant bereue die Tat, lebe eingeordnet. In dieser Stunde seines Leben im März 2014 war er "nicht Herr seiner Sinne". Auslöser der Tat war ein Beziehungsstreit mit der 14 Jahre älteren Lebensgefährtin, in deren Folge der 32-Jährige den vermeintlichen Nebenbuhler im südlichen Landkreis Tirschenreuth aufsuchen wollte. "Ich habe meinen Mut zusammengenommen: Ich fahr jetzt zu diesem Mann und kläre das." Vor der Fahrt nahm er auf einem Parkplatz rund 60 Ritalin-Tabletten seines an ADHS leidenden Stiefsohns ein, die er mit Alkopops hinunterspülte.

Eine Mischung, die laut Rechtsmedizin zu einer gegenseitigen Wirkungsverstärkung führte: Enthemmung, Risikobereitschaft, subjektiv erhöhte Leistungsbereitschaft. "Ich war euphorisiert. Ich kannte mich nicht so, dass ich mal was durchziehe", beschreibt es der Angeklagte. Bei Teublitz steuerte der Handwerker in falscher Richtung auf die A93, nach eigenen Angaben nicht absichtlich, aber er bemerkte es schnell. Und trotzdem blieb er auf der Autobahn. Zumeist sei er auf der Standspur gefahren, zog aber immer wieder auch auf die normalen Fahrspuren.

Mit 120, 130 Sachen. "Ich wollte ja wieder runter." Er fuhr aber nicht runter: Der 32-Jährige passierte die Ausfahrten Schwandorf-Süd, Schwandorf-Mitte, Schwarzenfeld, Nabburg. Dort fuhr er mitten durch eine Polizeisperre und schließlich zunächst von der Autobahn ab. Eine Polizeistreife stellte ihn bei einer Tankstelle in Nabburg. Der 32-Jährige floh - in richtiger Richtung - wieder auf die A93. Es spielten sich Szenen ab wie in einem amerikanischen Film. Ein Beamter der Weidener Polizeiinspektion erinnert sich, wie er mit Kollegen der Autobahnpolizei auf Höhe des Parkplatzes Grünau (bei Luhe-Wildenau) stand.

Aus südlicher Richtung näherte sich ihnen der 32-Jährige im Audi, dahinter sahen die Beamten schon mehrere Streifenfahrzeuge mit Blaulicht blinken. Sie setzten sich davor - ganz Profis - und wollten den Audi ausbremsen. "Das hat nicht funktioniert", erinnert sich der 37-jährige Polizist. "Das Auto schloss schnell auf. Ich dachte noch: Ho, jetzt wird's knapp." Von links und rechts versuchte der Audifahrer, den Streifenwagen zu überholen. Bei Weiden-Süd versuchten Inspektion und Autobahnpolizei gemeinsam, den Audi in die Zange zu nehmen.

Der 32-Jährige drängte daraufhin einen der Wagen ab, der nur knapp einem Unfall entging. Den anderen überholte er, in dem er sich bei Weiden-Nord zwischen Mittelleitplanke und Polizeiauto durchdrängte: "Da hat's gerumpelt und ich habe aufgemacht", beschreibt der Polizist. Sein Eindruck: "Der hat einen Plan und zieht den durch, koste es, was es wolle." Bei Altenstadt/WN fuhr der 32-Jährige ab und die wilde Jagd ging auf der Bundesstraße Richtung Erbendorf weiter.

Am Kreisverkehr kam es zur Kollision mit der Autobahnpolizei, die entgegen des Kreisverkehrs fuhr, um ihn auszubremsen. Erfolglos. Auf der Strecke nach Erbendorf kam es zur wohl gefährlichsten Szene: Wieder versuchte die Streife, den 37-Jährigen zu überholen. "Ich wollte links an ihm vorbei. Aber als ich auf gleicher Höhe war, kam er immer weiter rüber." Das Polizeiauto geriet aufs Bankett, drohte in den Graben zu fahren. Die Wende brachten Stoppsticks, die Polizeikollegen bei Erbendorf ausgelegt hatten: "Das schaut aus wie eine übergroße Toblerone", beschrieb der Beamte.

Die Röhren dringen beim Überfahren in die Reifen ein. Die Luft ging langsam aus. An der Ortseinfahrt Erbendorf kam es zum Showdown: Seite an Seite drängten sich Polizei und Audi gegenseitig ab. Beim Polizeiwagen, einem BMW, wurde dabei die Achse beschädigt, "alles hat blockiert", die Wucht des Hinterrad-BMW reichte aber noch, um vor dem Audi einzuscheren. "Der Audi hatte dann auch schon vier Platten." Das Fenster war geöffnet. Der Fahrer habe geschrien: "Ich bin nicht bewaffnet." Und: "Tschuldigung! Tschuldigung! Ich wollte nur nach Erbendorf." Während der Fahrt konnten die Polizisten aufgrund der Nähe der Fahrzeuge gut zum 32-Jährigen rüber gucken. "Der hat während der Fahrt geraucht, als ob nichts wär. Und hinter ihm die Streifenfahrzeuge mit Blaulicht. Alles sehr dubios."

An Entschuldigungen ließ es der Angeklagte auch vor Gericht nicht mangeln. Zwei Mal steht er auf und entschuldigt sich bei Zeugen. Einmal bei einem Polizisten. Ein zweites Mal bei der patenten Lenkerin eines Viehtransporters. Die Frau aus Aichach war mit ihrem 14-jährigen Sohn als Beifahrer mit einem 40-Tonner voller Kälber auf der A93 unterwegs. Sie hatten im Radio vom Geisterfahrer gehört und standen mit Warnblinkanlage bei Schwandorf am Standstreifen, als die Lichter direkt auf sie zukamen. "Wir haben ihn relativ lang gesehen. Ich habe ihm zwei Mal reingeblendet."

Als sie erkannte, dass der Audi nicht ausweichen würde, gab die Frau Vollgas und rettete ihren Lebendviehtransporter quer auf die Überholspur hinüber: "Und dann ist er genau kerzengrad eine Handbreit am Hänger vorbei." Schäden habe sie nicht davongetragen. "Ich hab in der Nacht schon oft a Licht gesehen, aber ich bin die Strecke eine Woche später wiedergefahren." Die Entschuldigung nimmt sie an: "Bischt gstraft gnua, gell?" Anders die Fahrerin eines Pkw, die bei Nabburg auf dem Beschleunigungsstreifen stand, als der Geisterfahrer auf sie zuhielt. Sie hatte aufgrund einer Warnung der Polizei angehalten. "Ich sah zwei Scheinwerfer auf mich zukommen, gut 500 Meter entfernt.

Der ist auf mich zugerast mit Wahnsinnsgeschwindigkeit, 140, 150 km/h. Ich sah ihn am Steuer sitzen in allen Einzelheiten, ein jüngerer, schlanker Mann. Keine zehn Meter vor mir ist er plötzlich rechts an mir vorbei geschwenkt." "Ich habe kein schönes Leben mehr", sagt die 47-jährige Beamtin aus dem Landkreis Schwandorf. Sie habe einen Gedanken kaum noch aus dem Kopf gebracht: "Ich habe drei minderjährige Kinder. Was wäre da passiert, wenn ich gestorben wäre?" Die Freundin, eine hübsche, selbstbewusste Immobilienmaklerin, hatte damals noch nicht einmal bemerkt, wie aufgebracht ihr Lebensgefährte das Haus verlassen hatte. "Ich dachte, er ist Zigaretten holen."

Die Auseinandersetzung um den vermeintlichen Nebenbuhler habe sie nicht hoch bewertet. "Für mich war die Sache erledigt. Ich hatte da keinen Kontakt mehr, der über das beruflich erforderliche hinausging." Entsprechend überrascht sei sie auf seine Antwort gewesen, als sie ihn per SMS zum Abendessen rufen wollte: "Kommst du zur leckeren Suppe?" SMS zurück: "Ne, hab Tabletten und Alkohol zum Abendessen." Die Nachrichten steigerten sich dramatisch: von "mir ist schummrig, "euch alles Gute", "vergib mir" bis "auf der A93 falsch rum, wenn mich die Polizei nicht vorher schnappt". Die Freundin rief die Polizei. "
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