Gesetz will mehr Ärzte aufs Land bringen - gemischte Gefühle bei Experten in der Region
Die Qual der Praxis-Wahl

Ärzte zieht es vermehrt in Städte, um dort eine Praxis zu eröffnen. Der ländlichen Umgebung droht die Unterversorgung. Nun soll das Versorgungsstärkungsgesetz Abhilfe schaffen. Archivbild: dpa
Kemnath/Eschenbach. (juh) Mit dem Versorgungsstärkungsgesetz unternimmt der Bund einen neuen Versuch, Mediziner zu den Menschen aufs Land zu bringen. Die Experten in der Region sehen diesen Versuch mit gemischten Gefühlen.

Kein Fan des neuen Gesetzes ist Birgit Grain. Die Pressereferentin der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern glaubt nicht, dass der Bund mit diesem Gesetz sein Ziel erreichen kann. "Die Planungsbereiche sind weiter viel zu weit gefasst, teilweise über 30 Kilometer. Weite Fahrwege für Patienten bleiben." Das Gesetz passe nicht zu einem Flächenland wie Bayern, bemängelt Grain.

Dagegen werde das Gesetz vor allem Ärzte in Not bringen, sowohl junge wie alte. Gebiete mit eingespielter und funktionierender Praxisstruktur werden plötzlich als überversorgt gelten. Dadurch sollen junge Ärzte in ländliche Gegenden gedrängt werden. Sie haben dann keine Wahl. Grain prophezeit, dass alleine in Bayern Hunderte Praxen geschlossen werden müssten, wenn sich die Ärzte zur Ruhe setzen.

Selbstbestimmung wichtig

"Viele Ärzte haben den Verkauf ihres Arztsitzes fest in ihre Altersvorsorge eingerechnet. Der junge Arzt kann dagegen keine bestehende Praxis mehr übernehmen, sondern muss viel Geld investieren, um sich eine komplett neue Praxis aufzubauen." Grain glaubt, dass junge Ärzte dann lieber eine Karrierre im Krankenhaus anstreben würden. Das Ergebnis wäre, dass es eher weniger als mehr Ärzte auf dem Land geben würde. "Dadurch verschärft sich der Ärztemangel. Wir sehen das sehr kritisch. Oft entspricht es nicht dem Wunsch des Arztes, sich auf dem Land niederzulassen. Es kann nicht sein, dass er irgendwo hingeschickt wird, wo er nicht sein will."

Nicht Zwang, sondern Förderungen müssen die Lösung sein, ist sich Grain sicher. "Eine sinnvolle Überarbeitung der Bedarfsplanung ist notwendig. Zudem müssen ländliche Gebiete für Ärzte attraktiver gemacht, Förderungen gewährleistet werden."

Anders sieht Peter Lehr die Lage. "Mit Hausärzten sind wir gut ausgestattet. Auch Fachärzte gibt es bei uns jedoch nicht mehr in allen Bereichen", betont der Eschenbacher Bürgermeister mit Blick auf den Altlandkreis. Das Problem sei ihm sehr wohl bewusst, erst vor kurzem habe eine Internistin ihre Praxis von Eschenbach nach Weiden verlegt. "Ansonsten haben wir Augenärzte, Frauenärzte und Psychiater."

Schritt lange überfällig

Deshalb ist Lehr ein Befürworter des neuen Gesetzes. "Grundsätzlich ist es der richtige Ansatz, Fachärzte, die sich meist in Ballungsräumen ansiedeln, in ländliche Gegenden zu holen. Es ist ein wichtiger Schritt, der schon lange notwendig war." Das werde nicht von heute auf morgen gehen, aber es könne funktionieren, ist sich Lehr sicher. "Auch bei uns gehen einige Ärzte bald in den Ruhestand. Wir sind jetzt schon bemüht, diese Stellen wieder zu besetzen, so dass es erst gar nicht zu einer Unterversorgung kommt", betont Lehr. Dass das neue Gesetz in Eschenbach und Umgebung die Besetzung von Praxen schwieriger macht, darüber mache er sich keine Gedanken.

Dr. Peter Deinlein, Allgemeinarzt aus Kemnath, sieht das Versorgungsstärkungsgesetz mit gemischten Gefühlen. "In der Oberpfalz gilt kein Ort als unterversorgt, wobei es in manchen Orten aber schon eng wird. Hinzu kommen zum Teil überversorgte Städte", erklärt Deinlein. Die Bezirke, in denen sich eine bestimmte Anzahl von Ärzten niederlassen kann, seien zu groß gefasst. "Es müsste sich etwas an der Bedarfsplanung ändern. Es müsste mehr auf die individuellen Bedürfnisse der Orte eingegangen werden."

Das Phänomen, dass sich Ärzte immer häufiger in Städten ansiedeln, kann Deinlein bestätigen. Das habe zwei bestimmte Gründe. "Zum einen ist natürlich das Angebot an Unterhaltung und Möglichkeiten in der Stadt viel höher." Zum anderen würden immer häufiger Frauen den Arztberuf erlernen. Diese suchten sich vermehrt Gemeinschaftspraxen in Ballungszentren als Arbeitsplatz aus. "Gerade für Frauen ist es besser mit der Familie vereinbar. Wird eine Ärztin schwanger oder ist anderweitig verhindert, muss die Praxis nicht sofort geschlossen werden, da dort noch andere Ärzte tätig sind."

Deshalb hält Deinlein eine Steuerung von oben teilweise für notwendig, um eine gezielte Niederlassung zu gewährleisten und einer möglichen Unterversorgung entgegenzuwirken. "Negativ ist natürlich, dass die Niederlassungsfreiheit der Ärzte nicht mehr gegeben ist." Die Umsetzung des neuen Gesetzes könne funktionieren, ist sich Deinlein sicher. Allerdings würde er es begrüßen, wenn Ärzte durch Förderungen und Anreize, und nicht durch "Zwang" dazu bewegt werden, in einer ländlichen Gegend zu praktizieren.
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