Halbes Leben im Todestrakt

Debra Milke. Bild: dpa

Der Prozess um ihren ermordeten Sohn Christopher ist für Debra Milke längst zur unendlichen Geschichte geworden. Sie lebt mittlerweile auf freiem Fuß - doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Sie hat fast ihr halbes Leben in einer Todeszelle im US-Wüstenstaat Arizona verbracht. Nun ist für Debra Milke (49) ein Leben in Freiheit endgültig in greifbare Nähe gerückt. In einem Urteil ordnete ein Berufungsgericht in Arizona an, die Mordanklage gegen die Tochter einer Deutschen und eines Amerikaners fallenzulassen. Die Richter erhoben schwere Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft wegen "ungeheuren Fehlverhaltens". Die gebürtige Berlinerin sei "begeistert, schockiert und sprachlos", sagte ihr Anwalt.

Für Milke, die heute zurückgezogen in Phoenix lebt, könnte das zwölf Seiten lange Papier den Anfang vom Ende im dunkelsten Kapitel ihres Lebens bedeuten. Noch erinnern eine elektronische Fußfessel und die hinterlegte Kaution von umgerechnet rund 200 000 Euro daran, dass der Mord an ihrem Sohn, für den sie 22 Jahre im Todestrakt verbrachte, juristisch noch nicht abgeschlossen ist.

Zwar entschied das Berufungsgericht zugunsten von Milkes Anwälten. Diese hatten argumentiert, dass eine Neuauflage des langen Prozesses gegen die US-Verfassung verstoße: Niemand dürfe zweimal für dasselbe Verbrechen vor Gericht gestellt werden. Die Staatsanwaltschaft will den Fall jedoch bis zum Obersten Gerichtshof von Arizona bringen.

Der Fall hatte in den 80er Jahren in den USA für viel Aufregung gesorgt. Bei ihrer Verurteilung hieß es, Milke habe 1989 zwei Männer angestiftet, den Vierjährigen zu töten. Statt in ein Einkaufszentrum fuhren die Männer das Kind zu einem trockenen Flusslauf in der Wüste und töteten es mit drei Schüssen in den Hinterkopf. Milke beteuerte stets ihre Unschuld.

Im Herbst 2013 erklärte ein Berufungsgericht das Urteil wegen mangelnder Beweise für ungültig. Milke kam auf freien Fuß, unterliegt aber einer nächtlichen Ausgangssperre und darf keinen Alkohol trinken. Christophers Vater ist von der Schuld seiner Ex-Frau überzeugt. "Selbst wenn sie schuldig ist", schrieb dagegen die Zeitung "Arizona Republic", "ist man nicht mit einem Mord davongekommen, wenn man fast sein halbes Leben im Gefängnis saß".

Justizsystem angeschlagen

Besonders hart trifft das Urteil die Staatsanwaltschaft. Der Fall habe das Justizsystem von Arizona "schwer befleckt", schrieben die Richter. Die zweifelhaften Aussagen des mittlerweile pensionierten Ermittlers Armando Saldate, der Milkes angebliches Geständnis der Tat nicht mit Tonband-Aufnahmen oder Notizen belegen konnte, hätten früher zu einer Wende führen müssen. Er war überführt worden, in anderen Fällen vor Gericht gelogen zu haben.

"Sie war gezwungen, sich im Prozess ohne entscheidende Informationen zu verteidigen, die ihr verfassungsgemäß zustanden", schrieben die Richter. Das werfe schwere Fragen über die Integrität des Strafrechtssystems auf. Über die Frage, ob Milke schuldig oder unschuldig ist, urteilten sie nicht.
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