Helfer des Holocaust

Gestützt von Kräften des Roten Kreuzes verlässt der ehemalige SS-Mann Oskar Gröning nach dem Urteil das Gericht. Für vier Jahre soll der 94-Jährige ins Gefängnis. Ob er die Haft antreten muss, entscheidet als nächstes die Staatsanwaltschaft auf Basis eines ärztlichen Gutachtens. Bild: dpa

Vier Jahre Gefängnis für Oskar Gröning wegen Beihilfe zum Massenmord in Auschwitz. So lautet das Urteil für den früheren SS-Mann, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Doch muss der Greis tatsächlich hinter Gitter?

Das Gericht in Lüneburg sprach den 94-Jährigen am Mittwoch der Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen für schuldig. Gründlich, effizient und gnadenlos hätten Menschen wie Gröning zum Funktionieren des Vernichtungslagers beigetragen. Als Rad im Getriebe habe der auch "Buchhalter von Auschwitz" genannte Gröning den Massenmord unterstützt, sagte der Vorsitzende Richter Franz Kompisch in der Urteilsbegründung.

Ob der gesundheitlich angeschlagene Gröning haftfähig ist und tatsächlich hinter Gitter kommt, muss die Staatsanwaltschaft prüfen, sobald das Urteil rechtskräftig ist. Anklage und Verteidigung wollen noch prüfen, ob sie in Revision gehen.

Kritik an der Justiz

Hart ins Gericht ging Kompisch mit der deutschen Justiz. Auschwitz-Überlebende hatten ihr in dem Verfahren jahrzehntelanges Versagen vorgeworfen. Nachdem am Betrieb des Konzentrationslagers beteiligte SS-Männer bis zur Mitte der 60er Jahre wegen Beihilfe zum Mord verurteilt wurden, habe dann eine "merkwürdige Rechtsprechung" begonnen. Die Justiz habe die konkrete Beteiligung an einzelnen Morden zur Bedingung für eine Verurteilung gemacht, sagte Kompisch. Damit habe sie den massenhaften Tötungsvorgang zerstückelt, wie es zuvor die Nazis bei der Planung des Lagerbetriebs getan hätten, um niemanden alleine verantwortlich sein zu lassen. In Folge habe es kaum noch Verfahren gegen KZ-Schergen gegeben.

In dem knapp drei Monate dauernden Prozess hatten etliche Holocaust-Überlebende in erschütternden Aussagen ihre Verschleppung sowie den Massenmord in Auschwitz geschildert.

Gröning hatte im Prozess seine Beteiligung und moralische Mitschuld am Holocaust eingeräumt. Er hatte gestanden, Geld von Verschleppten gezählt und zur SS nach Berlin weitergeleitet zu haben. Dies brachte ihm später den Beinamen "Buchhalter von Auschwitz" ein. Er sagte aus, zwei- bis dreimal vertretungsweise Dienst an der Rampe getan zu haben, wo deportierte Juden zur Ermordung selektiert wurden. Für seinen Dienst in Auschwitz könne der damalige Freiwillige der Waffen-SS sich nicht auf einen Befehlsnotstand und den damaligen Drill zum Gehorsam berufen, sagte Richter Kompisch. Zwar habe es Indoktrination gegeben, aber das Denken habe das nicht ausschalten können. "Ich will Sie nicht als feige bezeichnen, aber Sie haben sich für den sicheren Schreibtischjob entschieden", sagte der Richter.

Holocaust "nicht gefördert"

Mit dem Urteil ging das Gericht über das von der Anklage geforderte Strafmaß hinaus. Die Staatsanwaltschaft hatte dreieinhalb Jahre Haft beantragt, wovon ein Teil als verbüßt angesehen werden sollte, weil eine Verurteilung schon vor Jahrzehnten möglich gewesen wäre. Erste Ermittlungen hatte es schon 1977 gegeben, sie wurden 1985 eingestellt. Die Verteidiger hatten auf Freispruch plädiert, weil Oskar Gröning den Holocaust im strafrechtlichen Sinne nicht gefördert habe.
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