Herbstliche Morbidität

Es ist das zweite Mal, dass uns dieses skurrile Berliner Trio namens Prag auf eine verschrobene musikalische Reise quer durch Berge und Täler anachronistisch scheinender, dabei ewig menschlicher Emotionen wie abgrundtiefe Melancholie, überbordende Leidenschaft oder sehnsüchtige Nostalgie mitnimmt.

"Kein Abschied" (Tynska Records) nennt sich der Nachfolger vom 2013 erschienenen Debüt "Premiere", das es trotz oder vielleicht gerade wegen der herrlich-altmodischen Musik bis auf Position 24 der offiziellen Hitparade schaffte. Leicht fällt es dem Außenstehenden nicht, die Klangwelt von Prag auf beiden Werken zu definieren, einen Versuch ist es allemal wert: Element Of Crime mit ihrem untrüglichen Sinn für poetische Zeitlosigkeit fällt dem Hörer ein, Francoise Hardy mit ihrem scheuen Gespür für den unsterblichen Chanson, auch ein Philipp Poisel, der dem Attribut von weltfernem "Liedermachertum" seit Jahren einen komplett neuen Anstrich verpasst.

"Wir fühlen uns gerne wie aus der Zeit gefallen", bestätigt Saiten-Virtuose Tom Krimi, dass der Dreier keinerlei Probleme damit besitzt, wenn man seinen Sound in die leicht verstaubte Schublade der 1950-er und 1960-er packt. "Tatsächlich gehen wir beim Komponieren recht altmodisch vor, wir schreiben sogar Partituren."



Diese werden einem Orchester vorgelegt, wie schon beim Erstling ist es auch dieses Mal das Prager Filmorchester - und gerade durch diesen einerseits zurückhaltenden, andererseits nachhaltigen Einsatz von Streichern und Bläsern erhalten Prag-Stücke ihr spezielles Flair. Ein Flair von herbstlicher Morbidität und frühlingshafter Leichtigkeit gleichermaßen.

Prag bestehen aus drei unterschiedlichen Charakteren. Genau diese eigentlich kuriose Kombination macht den Reiz der Arbeit des Trios aus. Denn bei aller Diversität: Zunächst verbindet die Mitstreiter ein unverbrüchliches Band der Freundschaft. Da ist Tom Krimi, eigentlich überzeugter Solokünstler, der sich ohne große Überredungskunst in den Dienst dieser besonderen Kooperation gestellt hat. Dann gibt es Sänger und Gitarrist Erik Lautenschläger, der für nahezu alle Texte verantwortlich zeichnet. Und zu guter Letzt Chanteuse und Multi-Instrumentalistin Nora Tschirner, die in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem als Weimarer "Tatort"-Kommissarin neben Christian Ulmen oder als Til Schweigers weiblicher Widerpart in den höchst-erfolgreichen Kinokomödien "Keinohrhasen" und "Zweiohrküken" registriert wird.

Die 33-jährige, die ihre Kindheit in der DDR verbrachte, hat wie ihre beiden männlichen Kombattanten keinerlei Problem damit, dass die Medien gerne versuchen, sie bei Prag in den Mittelpunkt stellen und ausschließlich Interviews mit ihr führen wollen: "Das machen wir nicht, punktum", lacht Tschirner laut und keck, "als Band gibt es uns ausschließlich im Dreierpack." Und fügt entschlossen hinzu: "Für mich gehen Schauspielerei und Musik geschmeidig Hand in Hand. Ich konzentriere mich seit jeher ausschließlich auf das jeweilige Projekt, an dem ich gerade dran bin. Alles andere ergibt ja keinen Sinn. Wenn ich überall nur halbherzig dabei sein würde, verrate ich doch mich selbst und meine kreativen Ideale."

Der eigentliche Prag-Strippenzieher ist eh Erik Lautenschläger, was er kleinlaut zugibt: "Okay, diese Atmosphäre von getragener Sentimentalität entspricht tatsächlich in erster Linie meinem ureigenen Naturell. Wobei man sich, sofern man gut drauf ist, beim Hören unserer Platten himmelhochjauchzend fühlen kann. Sollte man allerdings das Leben gerade nicht als toll empfinden, kann man von unseren Liedern auch zu Tode betrübt werden."

Fern von Dreharbeiten

Ab März ist eine neue Tournee angesagt, auf die sich alle drei Beteiligten riesig freuen. Speziell Nora Tschirner ist über diesen Umstand einfach nur glücklich: "Sich mal ein paar Wochen fern zu halten von Dreharbeiten, die stets einem straffen Zeitplan unterliegen, das ist für mich eine aufregende Angelegenheit", beteuert sie. "Schließlich bin ich Schauspielerin und Mutter eines kleinen Kinds. Doch auf Tour kann ich zumindest für kurze Zeit die Rock & Roll-Tussi raus hängen lassen. Ich bin mir sicher, das wird ein großer Spaß!"

___

Tourdaten in Bayern: 27.März München (20.30 Uhr) im "Strom".

___

Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/
Weitere Beiträge zu den Themen: Januar 2015 (7957)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.