Himalaya behindert Helfer

Das Entsetzen ist allgegenwärtig. Eine ältere Frau trauert vor ihrem völlig zerstörten Haus in einem Vorort von Kathmandu in Nepal. Bild: dpa

Nach dem gewaltigen Erdbeben mit mehr als 3900 Toten kommen Hilfsgüter aus aller Welt in Nepal an. Auch aus Deutschland haben Hilfsorganisationen Material und Menschen in den Himalaya geschickt.

Kaputte Straßen, fehlende Hubschrauber, strömender Regen: Unter widrigen Bedingungen kämpfen sich Retter nach dem Beben im Himalaya auf das Dach der Welt. Behörden gehen inzwischen von mehr als 3900 Toten aus. Noch immer sind viele Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten. Zwar treffen nach und nach Hilfsgüter aus aller Welt in Nepal ein. Doch nicht immer erreicht die Hilfe die Bedürftigen, weil in der zerstörten Infrastruktur oft nur schwer voranzukommen ist. Die wenigen Helikopter im Land werden oft zur Rettung der Bergsteiger am Mount Everest verwendet - Anlass für heftige Kritik.

"In dem bergigen Land ist der Transport von Gütern immer eine Herausforderung - auch wenn es kein Erdbeben gibt", so Unni Krishnan, Katastrophenteam-Chef der Hilfsorganisation Plan. Klar sei nur, dass Tausende Häuser zerstört seien, aber nicht, wo genau wie viele. "Deswegen ist es nicht möglich, Hilfspakete aus der Luft abzuwerfen." Ohnehin sei es nur eingeschränkt möglich, die dringend benötigten Hilfsgüter über den ebenfalls zerstörten Flughafen in Nepals Hauptstadt Kathmandu einzufliegen, berichtete Ingo Radtke, Generalsekretär von Malteser International.

Was ankam, war nie genug: In Kathmandu gab es kaum Strom und Benzin, auch Trinkwasser und Nahrungsmittel waren knapp. Die meisten Bewohner der Stadt campierten unter Planen, weil ihre Häuser zerstört waren oder Risse hatten. Dutzende Deutsche hätten ihr Quartier auf dem Gelände der deutschen Botschaft aufgeschlagen, erklärte das Auswärtige Amt.

7,8 auf der Richterskala

Nepals Innenministerium gab die Zahl der bestätigten Toten am Montag mit 3837 allein im eigenen Land an. Am Montag sollten massenhaft Leichen verbrannt werden, um Seuchen zu verhindern. In Indien starben 72 Menschen, in China mindestens 20. Das Beben der Stärke 7,8 am Samstag war das heftigste in Nepal seit mehr als 80 Jahren.

Nepal ist ein armes Land, das nur über sechs Hubschrauber verfügt, hinzu kommen 20 private. Drei Hubschrauber wurden bei Rettungen am Mount Everest eingesetzt. Dort starben mindestens 18 Menschen, als eine Erdbeben-Lawine über das Basislager fegte. Zum Unglückszeitpunkt waren etwa 1000 Menschen im Basislager, darunter 490 Ausländer.

Extrembergsteiger und Mount-Everest-Kenner Peter Habeler meint, man müsse der Rettung der Ärmsten Priorität einräumen. Viele einfache Nepalesen befänden sich in einer weit schlimmeren Notlage als die im Himalaya festsitzenden Bergsteiger, sagte er. Auch Reinhold Messner sprach von einer "Zwei-Klassen-Rettung".

Unterdessen erschütterten weitere Nachbeben das Katastrophengebiet. Die Menschen trauen sich aus Angst vor weiteren Einstürzen nicht in ihre Häuser zurück. Zahlreiche Parks und öffentliche Plätze in Kathmandu glichen Zeltstädten - Hunderttausende schlafen im Freien. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef ist eine solche Katastrophe besonders auch für Kinder eine große Gefahr. "Selbst diejenigen, die nicht selbst verletzt sind, stehen jetzt vor der Situation, dass zum Beispiel die Wasserversorgung nicht funktioniert", sagte Unicef-Sprecher Rudi Tarneden. Es drohten Krankheiten. "Es gibt die Gefahr, dass es zu einer schleichenden Katastrophe nach diesem dramatischen Ereignis kommt", sagte Tarneden.

Appell der WHO

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bat um zusätzliche Mittel für Hilfseinsätze. Für die weitere Nothilfe brauche man dringend fünf Millionen Dollar (4,6 Millionen Euro). Im betroffenen Gebiet - das am dichtesten besiedelte Nepals - leben laut UN 6,6 Millionen Menschen.

Im Internet riefen Prominente zur Unterstützung auf. Der Dalai Lama brachte in einem Brief seine Trauer zum Ausdruck. An den nepalesischen Premierminister Sushil Koirala schrieb er: "Ich spreche Ihnen und den Menschen, die Familienmitglieder, Freunde und ihr Zuhause bei dieser Tragödie verloren haben, mein Beileid aus."
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