Hollande: Terror von Paris geht auf das Konto der IS-Miliz
IS droht Frankreich mit noch mehr Terror

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Die verheerendste Terrorserie in Europa seit gut zehn Jahren schockiert die Welt. Die Anschläge von Paris mit mehr als 120 Toten tragen die Handschrift der Miliz Islamischer Staat. Sie droht Frankreich mit noch mehr Terror.

Paris/Berlin. (dpa) Die beispiellosen Anschläge von Paris sind nach Einschätzung des französischen Präsidenten François Hollande ein «Kriegsakt» der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Gut zwölf Stunden nach der grausamen Terrorserie mit mindestens 128 unschuldigen Todesopfern machte Hollande nach einer Sitzung seines Sicherheitskabinetts am Samstag das radikal-islamische Netzwerk verantwortlich. Schon in der Nacht hatte Hollande den Ausnahmezustand ausgerufen und die Grenzkontrollen verstärken lassen.

Am Samstag tauchte im Internet eine zunächst nicht verifizierbare Erklärung auf, in der sich der IS zu den Anschlägen bekannte. «Eine treue Gruppe der Armee des Kalifats (...) griff die Hauptstadt der Unzucht und Laster an», hieß es in der Botschaft im Namen des IS. Darin wird Frankreich mit weiteren Anschlägen gedroht. «Dieser Überfall ist nur der erste Tropfen Regen und eine Warnung [...]», hieß es in einer im Internet kursierenden Botschaft im Namen des IS.

«Was sich gestern ereignet hat, ist ein Kriegsakt, und dem gegenüber, muss das Land die angemessenen Entscheidungen treffen», sagte Hollande in Paris. Die Tat sei «von außerhalb» geplant worden. Ermittlungen sollten nun die Beteiligung von Mittätern in Frankreich klären. «Alle Maßnahmen sind getroffen worden, um unsere Mitbürger und unser Staatsgebiet zu schützen.» Auch viele andere Staats- und Regierungschefs in aller Welt richteten sich auf einen massiven und langwierigen Kampf gegen den Terror ein. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte dem Nachbarland «jedwede Unterstützung» zu. Sie beriet am frühen Nachmittag bei einem Krisentreffen über Konsequenzen.

Bei mehreren nahezu gleichzeitigen Terrorattacken von mindestens acht Tätern waren am Freitagabend in Paris nach jüngsten Angaben 128 Menschen getötet worden. Rund 250 wurden verletzt, viele davon schwer, wie die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Justizquellen berichtete. Damit handelt es sich um die schlimmste Terrorserie in Europa seit mehr als zehn Jahren. Im März 2004 waren bei mehreren Anschlägen auf Züge in Madrid 191 Menschen getötet und annähernd 2000 verletzt worden - auch diese Anschläge gingen auf das Konto islamistischer Terroristen.

Die Attentäter schossen am Freitagabend an verschiedenen Orten der französischen Hauptstadt wild um sich und zündeten mehrere Bomben. Allein in der Konzerthalle «Bataclan» richteten sie ein Massaker mit mindestens 80 Toten an. Vier Tote gab es in der Nähe des Stadions Stade de France, wo gerade das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Frankreich stattfand. Die Anschläge ereigneten sich nur zehn Monate nach dem Attentat auf die Satirezeitung «Charlie Hebdo» in Paris.

Merkel sagte am Samstagmorgen in Berlin in Richtung der Opfer und ihrer Angehörigen: «Wir, die deutschen Freunde, wir fühlen uns Ihnen so nah.» Dieser Angriff auf die Freiheit «meint uns alle». Daher müssten nun auch alle gemeinsam den Kampf gegen den Terror führen. «Wir wissen, dass unser freies Leben stärker ist als jeder Terror.» Das Auswärtige Amt hatte am Vormittag noch keine Gewissheit, ob unter den Opfern der Terroranschläge auch Deutsche sind.

Bundespräsident Joachim Gauck sprach Frankreich seine Anteilnahme aus und appellierte: «Aus unserem Zorn über die Mörder müssen Entschlossenheit und Verteidigungsbereitschaft werden. Auch dabei stehen wir an der Seite der Franzosen.» Er betonte: «Aber die Terroristen werden nicht das letzte Wort haben, diese Nacht wird nicht das letzte Wort haben.»

Die Polizei in den Ländern wurde nach Angaben des Vorsitzenden der Innenministerkonferenz, Roger Lewentz (SPD), in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Dies gelte für den Schutz französischer Behörden und die Grenze zu Frankreich. Die Bundespolizei verstärkte ihre Einsatzkräfte entlang der Grenze. «Die Beamten konzentrieren sich insbesondere auf die Überwachung der Zugverbindungen und des Flugverkehrs», sagte ein Sprecher in Potsdam. Seit Samstagmittag gab es «selektive Kontrollen» an den Grenzübergängen zu Frankreich.

Sieben der acht Angreifer von Paris sprengten sich selbst in die Luft, ein Terrorist wurde von der Polizei erschossen. Alle Indizien deuteten darauf hin, dass es sich um eine minuziös vorbereitete Aktion handelte. Bei dem Überfall auf die Konzerthalle «Bataclan» soll einer der Männer «Allah ist groß» gerufen haben. Ein Augenzeuge berichtete ferner, dass die Angreifer ihre Tat mit Frankreichs Militäreinsatz in Syrien begründet hätten.

Das schlimmste Bild bot sich in der Konzerthalle. Laut Augenzeugen waren mehrere unmaskierte Männer in den ausverkauften Saal gestürmt, wo die US-Rockband «Eagles Of Death Metal» auftrat. Mit Sturmgewehren schossen sie wild um sich, der Boden war anschließend übersät mit Leichen. Einer der Geflüchteten, Julien Pearce, berichtete: «Das hat zehn, 15 Minuten gedauert. Das war von extremer Gewalt. Es gab Panik. Alle sind Richtung Bühne gerannt. Die Attentäter hatten Zeit, mindestens drei Mal nachzuladen.»

Zwei Explosionen vor dem Stade de France hatte Hollande auf der Ehrentribüne beim Fußballspiel Frankreich-Deutschland mit angehört, zusammen mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, der an seiner Seite saß. Gleich danach ließ er sich in der Schaltzentrale des Stadions telefonisch über die Ereignisse unterrichten. Noch während des Spiels wurde der Präsident aus dem Stadion gebracht.

Aus Sorge vor weiteren Anschlägen wurde das Militär in Frankreich verstärkt. Die öffentlichen Krankenhäuser in Paris leiteten nach den Terrorattacken nach Medienberichten den sogenannten «Plan blanc» ein. Wie die Zeitung «Le Monde» auf ihrer Homepage am Samstagmorgen schrieb, wurden alle Hospitäler in Alarmbereitschaft versetzt.

US-Präsident Obama verurteilte die Anschläge als «abscheulichen Versuch», die Welt zu terrorisieren. «Wir werden tun, was immer auch getan werden muss, um diese Terroristen zur Verantwortung zu ziehen.» Er bekräftigte sein Angebot, Frankreichs Behörden behilflich zu sein. Der Iran verurteilte die Angriffe scharf und erklärte seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terror. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping sagte zu, sein Land wolle eng mit der internationalen Gemeinschaft gegen den Terror zusammenarbeiten.