Horror und Hoffnung

Erschütternde Zeichnung: Auf dem Bild des syrischen Kindes sind links Kriegseindrücke aus der Heimat und rechts die Ankunft in Deutschland zu sehen. Bild: Bundespolizei/dpa

Kinder verarbeiten Schreckliches oft in Bildern. Ein syrisches Flüchtlingskind hat bei der Bundespolizei in Passau mit unverblümter Brutalität seine Erlebnisse gezeichnet - und gleichzeitig die Hoffnungen auf Sicherheit in Deutschland in Szene gesetzt.

Die schockierende Zeichnung des Flüchtlingskindes ist zweigeteilt: Unter der syrischen Flagge ist auf der linken Seite ein zerstörtes Haus zu sehen, abgetrennte Gliedmaßen liegen auf der Straße, aus dem Hinterhalt wird geschossen und ein Kind mit einem abgerissenen Fuß läuft an Krücken. Im rechten Teil steht unter der deutschen Flagge ein großes Haus mit einem langen Zufahrtsweg und Menschen mit Koffern. Die deutsche Fahne und die Polizei sind jeweils von roten Herzen umrahmt.

Vermutlich ein Mädchen

Ein unbekanntes Kind hat dieses Bild bei der Bundespolizei in Passau vor wenigen Tagen gemalt und an die Wand gehängt. Es zeigt eindrucksvoll die Schrecken des Kriegs in dem Heimatland des Kindes und die Hoffnungen, die es in Deutschland setzt. Das Kind, vermutlich ein Mädchen, habe das Bild vor einigen Tagen im Wartebereich der Clearingstelle in Passau gemalt und an die Wand gehängt, sagte der Sprecher der Bundespolizeiinspektion Freyung, Thomas Schweikl. "Wie das Kind die beiden Welten sieht, ist schon schwer beeindruckend."

Reale Erlebnisse

Jetzt hat die Bundespolizei die Zeichnung bei Twitter veröffentlicht. "Dass das Kind auch die Polizei mit einem roten Herz gemalt hat, berührt die Kollegen natürlich und gibt ihnen eine weitere Motivation für die Arbeit", betonte Schweikl. Hunderte Beamte aus ganz Deutschland unterstützen seit Monaten die bayerischen Kollegen bei der Registrierung der Flüchtlinge.

"Es ist wahrscheinlich, dass das Kind die dargestellten Ereignisse erlebt hat, da es diese sonst nicht so zeichnen könnte", sagt die Psychologin und Traumaforscherin Prof. Iris-Tatjana Kolassa von der Universität Ulm. Vermutlich sei das Malen der Ereignisse auch eine Form der inneren Verarbeitung. Kinder seien in einer sensiblen Entwicklungsphase, und solche Erlebnisse hinterließen tiefe Spuren. Die Wunden könne aber auch erst viel später aufreißen. "Dann, wenn zum Beispiel ein Geräusch gehört wird, das als Schuss interpretiert wird, oder wenn das Kind erneut Blut oder Verletzung sieht oder sich massiv hilflos, bedroht und überfordert fühlt", erläutert Kolassa.

In der Phase, in der noch keine Symptome für eine posttraumatische Belastungsstörung vorhanden seien, sollten vor allem Sicherheit, Schutz und Tagesstruktur vermittelt werden. "Ein Ansprechpartner ist gut, aber man sollte nicht über traumatische Details sprechen, wenn das Bedürfnis nicht vom Kind kommt."

Struktur und Schutz

Die Professorin für klinische und biologische Psychologie zeigt sich auch nicht von dem krassen Gegensatz des Bildes überrascht. "Deutschland wird in diesem Bild idealisiert als Land, in dem es Struktur, Schutz und Sicherheit gibt, und das ist die wichtigste Hoffnung der betroffenen Flüchtlinge."

Bei Twitter hat das Bild sofort positive Reaktionen ausgelöst. Ein Nutzer schreibt: "Kein Kind sollte solche Erlebnisse machen müssen." Ein anderer bedankt sich bei den Bundespolizisten: "Danke für eure Unterstützung und die vielen Überstunden, die ihr ganz sicher schiebt. Ihr habt Geschenke verdient."
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