Hospizvereine in Amberg und Weiden zur Sterbehilfe
Wenn Gott so kleinlich wäre

Wer Sterbende bei ihrem Abschied begleitet, muss seine eigene Angst vor dem Tod kennen und gelernt haben, mit ihr umzugehen. Bild: epd

Die Ärzte sind dagegen. Der katholische Rebell Hans Küng ist dafür - wie die Mehrheit der Deutschen. Soll aktive Sterbehilfe künftig straffrei bleiben? Der Riss geht auch durch den Bundestag. Für die Hospizvereine in Amberg und Weiden ist schon die Debatte eine Themaverfehlung.

Heribert Stock, 76, ist Gründungsvater des Weidener Hospizvereins. Seit 18 Jahren begleitet der pensionierte Banker und seine gut ausgebildete Schar ehrenamtlicher Mitarbeiter Sterbende in ihren letzten Wochen und Tagen. "In Schweden, wo aktive Sterbehilfe verboten ist, sind 45 Prozent der Hausärzte palliativ ausgebildet", vergleicht der Leiter des bei den Maltesern angesiedelten "Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienstes" die Situation zweier Länder. "In den Niederlanden, wo Sterbehilfe erlaubt ist, sind es nur 5 Prozent." Seine Schlussfolgerung: "Wo das Wissen über die palliativen Möglichkeiten gering ist, tendiert man zur aktiven Sterbehilfe."

"Über das Sterben"

Das ist auch die Auffassung des Palliativmediziners Gian Domenico Borasio, die er in seinem Buch "Über das Sterben" publizierte. "Menschen werden in den Suizid geführt, weil sie falsch beraten werden." Unkenntnis dürfte auch ein Grund dafür sein, warum sich die Mehrheit der Deutschen vom Gesetzgeber die vermeintliche Erlösung vom Leiden als Recht wünscht. Dramatische Einzelfälle wie der der Gehirntumorpatienten Brittany Maynard scheinen zu belegen: Der Tod wird oft von unerträglichen Schmerzen begleitet.

Doch das ist eher die Ausnahme. "95 Prozent der Schmerzen sind beherrschbar", sagt Stock, der seinen Vater pflegte - er starb mit 63 Jahren zu Hause an Krebs. "Viele wissen nicht, was die Palliativmedizin leisten kann." Das beurteilt Irmgard Huber, Vorsitzende des Amberger Hospizvereins ähnlich: "Je mehr die Leute wissen, desto seltener der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe." Zusammen mit der Bayerischen Ärztekammer, die vergangene Woche in Weiden tagte, vertritt sie die Auffassung: "Wir sollten den Ärzten den Rücken stärken." Die Mediziner sollten minimal lebensverkürzende Medikamente ohne Angst vor juristischen Folgen verschreiben dürfen.

"Es gibt noch viel Potenzial und Spielraum", findet Angela Hering, die beim Amberger Hospizverein als hauptamtliche Koordinatorin die 36 ehrenamtlichen Begleiterinnen und vier Männer Hilfesuchenden zuteilt. "Ich entscheide beim Erstbesuch, wie oft Unterstützung gebraucht wird - in den letzten Tagen kann die Betreuerin auch täglich kommen."

So unterschiedlich die Menschen und ihre Krankheiten, so verschieden ihre Bedürfnisse: "Demenz ist ein schleichender Prozess, den wir über einen längeren Weg begleiten - in einer schlechteren Phase öfter, in besseren Zeiten ziehen wir uns zurück." So schwer man zu Beginn an manche Menschen rankomme, so schwer sei es danach, wieder loszulassen: "Man muss professionellen Abstand bewahren", sagt Hering.

Was Stocks 57 ehrenamtliche Helfer - darunter drei Männer - leisten, ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Im Jahr betreuen sie 80 bis 100 Menschen auf ihrem letzten Weg in Weiden und im Landkreis Neustadt/Waldnaab. Etwa 60 Prozent sterben in einem Pflegeheim.

"Das ist nicht leicht auszuhalten", erklärt Angela Hering die typische Situation. "Man sitzt oft alleine in einem Altenheimzimmer mehrere Stunden am Bett, ohne zu wissen, ob das ankommt." Gibt es dem Sterbenden etwas, wenn man seine Hand hält? "Manche halten das nicht aus."

Der Tod ereilt auch Junge

Nicht nur alte Menschen ereilt der Tod. "Letztes Jahr hat Christian, einer unserer jüngeren Hospizbegleiter, einen 19-jährigen jungen Mann betreut, der seit seinem 14. Lebensjahr an einem Tumor litt." Für die Eltern eine schreckliche Situation. Man will den Tod nicht wahrhaben, die Hoffnung nicht aufgeben. "Der Jugendliche konnte die Situation besser akzeptieren als Vater und Mutter." Es sind oft die Angehörigen, um die sich die Helfer intensiver kümmern müssen, als um die Patienten.

Die Erfahrung teilt auch Heribert Stock. Viele Angehörige seien verunsichert, wenn der Sterbende nach Luft ringe, keinen Appetit oder Durst verspüre. "Palliativmedizin ist eine Linderungsmedizin, die die verbleibende Zeit lebenswert machen soll." Dazu gehört, dass Angehörige und der behandelnde Hausarzt in die Lage versetzt werden, die Symptome zu kennen und zu kontrollieren. "Wir greifen im Zweifel auf eine Brückenteam-Schwester zurück, die ans Krankenbett kommt und wenn nötig einen Palliativarzt anfordert, der zusammen mit dem Hausarzt die Schmerztherapie einleitet."

Häufig misslinge auch die Kommunikation zwischen dem Sterbenden und dem Verwandten: "Jeder meint, er könne dem anderen die Wahrheit nicht zumuten", sagt Irmgard Huber. Eine gespenstische Situation: "Wenn über den Todgeweihten gesprochen wird, als ob er gar nicht da wäre." Dabei ist das Gehör der letzte Sinn, der verlischt.

Der Tod als Bestandteil vom Leben, die Begrenzung, an der wir uns abarbeiten - auch wenn der Tod anders als im Brandner Kasper nicht mit Kirschwasser zu bestechen sein wird, hat das Ende des Lebens auch eine sinnstiftende Wirkung: Vor ihm verblassen kleinliche Sorgen und Ängste. Er kann Perspektive geben: Was ist für mich wirklich wichtig - was würde ich tun, blieben mir nur noch wenige Wochen? Die Oberpfälzer Sterbebegleiter fühlen sich deshalb keineswegs nur beladen: "Es ist ein Geschenk für uns alle", sagt Heribert Stock bewegt. "Ich hatte eine Tante, die ist mit fast 90 gestorben", erzählt Irmgard Huber ihre tröstliche Geschichte. "Sie hatte keine Angst, weil sie an einen gütigen Gott glaubte. ,Wenn der so kleinlich wäre wie die Menschen, dann wäre er kein Gott'."

Diskussion über Sterbehilfe

Das Thema Sterbehilfe beschäftigt viele Menschen. Die politische Debatte darüber ist eines der großen Themen im Parlament. Was ist ein würdevoller Tod? Was darf erlaubt sein? Wo sind Grenzen zu ziehen? Fakten und Emotionen vermischen sich und machen es manchmal schwer, eine klare Stellung zum Thema Sterbehilfe zu beziehen.

Einen Überblick über die Rechtslage in Europa bietet unter anderem ein Bericht auf spiegel.de. In seinem Beitrag auf der Internetseite der "Welt" versucht Matthias Kamann in einem Faktencheck häufig geäußerte Vorurteile zu widerlegen.

Dass es bei dem Thema immer um Menschen und ihre Schicksale geht, zeigen verschiedene Beiträge. So berichtet unter anderem "Die Zeit" über den selbstgewählten Tod des Udo Reiter und über die todkranke US-Amerikanerin Brittany Maynard, deren letzter Wunsch es ist "nach eigenen Vorstellungen sterben zu dürfen". Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, sagt gegenüber der Wochenzeitung "Die Zeit" "Das wäre zwar völlig gegen meine Überzeugung", sagte Schneider der ZEIT. "Aber am Ende würde ich sie wohl gegen meine Überzeugung aus Liebe begleiten. (...) Die Liebe ist entscheidend."

Dass diese Thema die Menschen bewegt, sich dazu zu äußern zeigt unter anderem eine "Leserbriefsammlung" auf Sueddeutsche.de.

Vereine, Verbände und Organisationen, die sich mit Sterben in Würde beschäftigen, bieten auf ihren Internetseiten Informationen zum Thema. Dazu gehören unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben, der Bayerische Hospiz- und Palliativverband, der Deutsche Hospiz- und Palliativ Verband sowie ein Dossier der Deutschen Bischofskonferenz.

Kontakt in der Region:

Heribert Stock, Leiter Palliativberatungsdienst bei dem Maltesern
Telefon: (0961) 33 77 3
Mobil: (0151) 16 73 46 63
heribert.stock@malteser.org
www.malteser-weiden.de

Irmgard Huber, Vorsitzende Hospizverein Amberg
Telefon: (09621) 1 44 08
Mobil: (0171) 8 27 72 96
huber-stb@t-online.de
www.hospizverein-amberg.de
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