Interview mit dem Drogenbeauftragten der tschechischen Regierung, Jindrích Voboríl: Gespräch ...
"Eine Welt ohne Drogen ist illusorisch"

Der nationale Drogenkoordinator der tschechischen Regierung, Jindrích Voboríl, im Interview. Nach mehr als 20 Jahren Erfahrung an vorderster Front, als Sozialarbeiter, Therapeut und Berater ist der Drogenkoordinator der Prager Regierung ein überzeugter Verfechter von konsequenter Prävention. Bild: ctk
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Deutschland und die Welt
25.03.2014
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An Wunderwaffen im Kampf gegen den Drogenmissbrauch glaubt Jindrích Voboríl nicht. Nach mehr als 20 Jahren Erfahrung an vorderster Front, als Sozialarbeiter, Therapeut und Berater ist der Drogenkoordinator der Prager Regierung ein überzeugter Verfechter von konsequenter Prävention und Arbeit im Terrain. Gerade bei der Horrordroge Crystal Meth gelte es, die Konsumenten möglichst früh zu erreichen, um durch Betreuung und Beratung eine Therapie anzuregen.

Die sukzessive Kürzung entsprechender Haushaltsmittel in der zurückliegenden Dekade habe in Tschechien zu einem erneuten Anstieg des Konsums geführt. Nach jahrelanger Stagnation steige die Zahl der Abhängigen wieder an - jährlich um 1000, so aktuelle Schätzungen. Derzeit gibt es landesweit rund 35 000 "Problem-User", wie die wörtliche Übersetzung aus dem Tschechischen lauten würde.

Voboríl fordert die neue Prager Regierung darum auf, die Mittel wieder aufzustocken. Nur 200 Millionen Kronen, umgerechnet weniger als acht Millionen Euro, stellt Prag momentan jährlich frei. "Dafür leisten wir sehr gute Arbeit, aber es reicht nicht", so der 45-Jährige.
Über seine Erfahrungen will er demnächst auch mit der neuen Drogenbeauftragten der deutschen Bundesregierung, Marlene Mortler, sprechen. Ein Treffen sei schon im Vorfeld der für April geplanten Innenministerkonferenz geplant.

Pervitin, in Deutschland vor allem als Crystal Meth bekannt, wird in Bayern und Sachsen immer mehr zum Problem. Meist wird die Droge aus Tschechien geschmuggelt, wo Pervitin schon vor der Wende hergestellt und konsumiert wurde. Von deutscher Seite gibt es immer wieder Forderungen nach einer restriktiveren Handhabung in Tschechien. Prag sei zu lax, sagen manche Politiker in Deutschland. Wie stehen Sie dazu?

Jindrích Voboríl: Aus Tschechien gelangt Pervitin nach Deutschland, und umgekehrt kommt von dort Heroin nach Tschechien. Andere Drogen gelangen zu uns aus Holland, Polen, der Slowakei oder Ungarn. Das ist eben die Situation im Schengenraum. Wenn jemand sagt, wir seien zu liberal, und deswegen wird Crystal ausgeführt, könnte sich umgekehrt die Frage stellen, wie es mit der Liberalität in Deutschland bestellt ist, von wo seit mehr als 20 Jahren Heroin nach Tschechien gebracht wird.

Also ist dann alles in bester Ordnung? Man muss nichts tun, weil man nichts tun kann?

Voboríl: Nein. Ich bin nicht gegen Repression. Polizeiliche Ermittlungsarbeit und Kontrollen im Grenzgebiet sind natürlich sinnvolle und wichtige Elemente der Drogenbekämpfung, aber sie sind kein Allheilmittel. Die Erfahrungen aus den USA und anderen Ländern, etwa Neuseeland, haben das klar gezeigt. Auch dort, wo es regional gelungen ist, Herstellung und Schmuggel zu unterbinden, ist das Problem kurze Zeit später potenziert in andere Regionen übergesprungen. Die Produzenten und Dealer wurden effektiver, professioneller. Wir müssen das Problem als Seuche erkennen und entsprechend epidemiologisch bekämpfen, mit allen rechtlichen, medizinischen, polizeilichen und politischen Ansätzen. Auch wenn der kriminologische Aspekt nicht von der Hand zu weisen ist, wäre es ein Fehler, sich darauf zu versteifen.

Sie sind einer der Autoren der tschechischen Antidrogen-Strategie und seit vier Jahren Drogenbeauftragter der Prager Regierung. Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Abhängigen, der sogenannten Problem-User, in Tschechien wieder. Woran liegt das?

Voboríl: Es kommen nach Schätzungen, feste Zahlen kennen wir nicht, etwa 1000 Problem-User pro Jahr hinzu. Dabei war es uns gelungen, den dramatischen Anstieg in den 90er Jahren zu stoppen, vor allem mit einer konsequenten Präventionsarbeit und einem im internationalen Vergleich dichten und effektiven Netz an Streetworkern und Beratern im Terrain. Als diese Arbeit dann Früchte zeigte und der Konsum von Methamphetaminen stagnierte, hat die Regierung das Problem nicht mehr als vorrangig genug betrachtet. Es kam zu Kürzungen, und darunter hat die Präventionsarbeit gelitten.

De facto profitieren wir heute noch von den Investitionen und Strategien aus den 90er Jahren. Tschechien steht immer noch verhältnismäßig gut da, was den Bereich der Problem-User harter Drogen betrifft. Wir haben etwas mehr als 30 000 Abhängige. Damit rangiert Tschechien EU-weit in der besseren Hälfte, in anderen Ländern ist die Situation trüber. Dabei steht die EU im weltweiten Vergleich bereits relativ gut da. Anders sieht die Sache in Hinblick auf den Alkoholkonsum aus. Da sind wir leider europäische Spitze. Nur in Moldawien wird mehr Alkohol getrunken als in Tschechien.

Sie haben in Ihrem Drogenbericht Ende vergangenen Jahres den Vorschlag gemacht, das Betäubungsmittelgesetz zu aktualisieren und die Unterscheidung zwischen illegalen und legalen Drogen aufzuheben. Wollen Sie Alkohol und Crystal quasi gleichstellen?

Voboríl: Die Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Drogen ist künstlich und funktioniert so nicht. Pervitin und andere Substanzen sind kein Bestandteil der Subkultur mehr, sondern haben längst den Mainstream erreicht. Heute begegnen sich legale und illegale Drogen in der Kneipe, in der Disco, sie gehören quasi zum Nachtleben wie Schnaps. Es zeigt sich, dass Alkohol ganz eindeutig die wichtigste Einstiegsdroge ist. Je früher Jugendliche Alkohol konsumieren, desto größer die Gefahr, dass sie für andere Drogen empfänglich werden. Hier haben wir noch viel Arbeit vor uns. Deutschland hat auf diesem Gebiet eine konsequentere Linie gefahren, dort ist der Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen rückläufig. In Tschechien steigt er rapide an.

Ihnen stehen bei der Drogenbekämpfung zurzeit 200 Millionen Kronen pro Jahr zur Verfügung, acht Millionen Euro etwa. Wie viel mehr bräuchten sie, um Tschechien drogenfrei zu bekommen.

Voboríl: Eine Welt ohne Drogen, das ist eine Illusion. Aus Beobachtungen in der psychiatrischen Praxis gehen wir davon aus, dass etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung zur Abhängigkeit neigen. Wenn es keine Opiate oder Methamphetamine gibt, dann greift man eben zum Alkohol oder Medikamenten. Um unsere Arbeit, Prävention vor allem, wieder vernünftig machen zu können, müsste unser Etat um die Hälfte aufgestockt werden, also mindestens 100 Millionen Kronen mehr.
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