Interview mit Hans Eibauer, CeBB-Koordinator der bayerischen Beiträge für Pilsen 2015 - ...
Auch wir sind Kulturhauptstadt

Hans Eibauer, Initiator und Leiter des Centrums Bavaria Bohemia in Schönsee, koordiniert im EU-Projekt regio2015 mit dem CeBB-Team und den beiden Partnern, Pilsen Kulturhauptstadt und Regensburg, die bayerischen Beiträge für Pilsen 2015.

Herr Eibauer, Pilsen übernimmt 2015 die Europäische Kulturhauptstadt-Würde. Was bringt dieser Titel der Stadt, wie könnte die nördliche Oberpfalz profitieren?

Eibauer: Eine Kulturhauptstadt Europas, die 60 Kilometer von uns weg ist, strahlt auf die bayerische Seite aus. Wir als Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) waren von Beginn an in die Planungen der bayerischen Beiträge mit einbezogen. Wir glauben, dass nächstes Jahr viele, die an Kultur interessiert sind, aber das Nachbarland nicht so am Schirm hatten, den Weg nach Pilsen finden. Dazu kommt, dass nicht nur Veranstaltungen in Pilsen, sondern auch in der Region und auf der bayerischen Seite stattfinden - das fällt unter die Kategorie "Begleitprogramm".

Ist das Begleitprogramm so spannend, dass man damit auch ein überregionales Publikum anziehen kann?

Eibauer: Wir organisieren zwei Dachprojekte "Kulturorte - Treffpunkte" und die "Musikbrücke", bei der zum Beispiel die Prager Symphoniker in der Max-Reger-Halle spielen - das ist schon ein Termin, den ich mir vormerke. Eine Herausforderung, an der wir arbeiten, ist, wie wir diese Veranstaltungen über die bayerische Grenzregion hinaus verankern. Dann ist der "Zug zur Kultur" ein Publikumsmagnet, der im doppelten Sinn des Wortes die Leute mitnimmt - schon allein deswegen, weil er in Regensburg, Schwandorf, Cham und Furth hält.

Wie ist die Kulturzug-Jungfernfahrt gelaufen?

Eibauer: Das war eine tolle Fahrt. Obwohl wir sie nur begrenzt bewarben, war das Kultur-Abteil gesteckt voll mit 40 bis 50 Fahrgästen.

Wie gut macht das Kulturhauptstadt-Büro in Pilsen seinen Job?

Eibauer: Die Verantwortlichen haben im letzten halben Jahr ihr Team von 20 auf über 50 hochgefahren, was auch dringend nötig war. Prinzipiell machen sie dort einen guten Job. Am 5. September war die Auftaktveranstaltung mit 25 000 Leuten am Platz der Republik - man merkt, die Pilsener sind jetzt voll dabei, die freuen sich. Da hilft auch der Info-Point, wo gute Arbeit geleistet wird.

Sind Sie mit dem Programm zufrieden?

Eibauer: Pilsen hat tolle Schwerpunkte gesetzt, gerade mit dem Thema Zirkus. Das ist zwar keine originär tschechische Kunstform, aber es interessiert die Leute. Vor allem Kompanien aus der Schweiz und Frankreich sind stark vertreten. Was mir imponiert, ist, wie flexibel die Macher mit unerwartet aufgetretenen Problemen umgingen. Als man feststellte, dass ein Gebäude Asbest verseucht ist, hat man das Straßenbahndepot in die kulturelle Nutzung genommen und in kürzester Zeit eine Alternative gefunden.

Eines der Ziele der Kulturhauptstadt-Wahl ist es, die regionale Kulturszene langfristig zu entwickeln - wird man dem mit dem Einkauf von Produktionen gerecht?

Eibauer: Es wäre ungerecht zu sagen, dass Pilsen nur Highlights eingekauft hat. Ich sehe viele Ansatzpunkte, wo Künstler aus Westböhmen mit ins Boot genommen werden. Auch das neu gebaute Theater, ein Mega-Projekt, wirkt nachhaltig. Eine Stadt mit nicht mal 200 000 Einwohnern verfügt jetzt über zwei wunderschöne Theater. Beide werden ein spannendes Programm bieten - übrigens auch für Oberpfälzer Theaterfreunde.

Ist das nicht ein wenig optimistisch, wenn man an die Schließungen von Theatern bei uns denkt?

Eibauer: Das ist in Tschechien wirklich noch anders. Wir waren im Peklo, einem Pilsener Veranstaltungssaal für 600 bis 800 Leute. Da singt mal so eben unter der Woche eine Operndiva, und der Saal ist voll. Dort ist jeden Tag eine Veranstaltung und Leute aus allen Schichten kommen. Das findet man in Deutschland nicht so, dass sich auch einfache Leute eine hochkarätige Musikveranstaltung leisten. Die Breite und Bereitschaft, Kultur wahrzunehmen, ist größer als bei uns.

Wie viel lässt sich Pilsen, Tschechien, die EU dieses Jahr eigentlich kosten?

Eibauer: Das Budget für den Zeitraum 2010 bis 2014 betrug 420 Millionen Kronen, rund 15 Millionen Euro. Man muss unterscheiden zwischen den unmittelbaren organisatorischen und Personalkosten im Vorfeld. Viele Einzelprojekte werden auch von den Veranstaltern mit Hilfe öffentlicher Förderungen geschultert. Und dann gibt's noch die baulichen Maßnahmen, die Sanierungsarbeiten im Vorfeld, um die Stadt aufzuhübschen und die Infrastruktur auf den neuesten Stand zu bringen. Oder eben auch den Neubau des Theaters, der 880 Millionen Kronen, also rund 32 Millionen Euro gekostet hat.

Wie verändern diese Investitionen die Stadt mittelfristig?

Eibauer: Das wird auch davon abhängen, wie man nach 2015 weitermacht. Man hat jetzt eine Gruppe echt guter Leute beisammen, die den Spirit von 2015 weitertragen können. Es wird die Kunst der Stadtspitze sein, Ende 2015 nicht alle wieder in sämtliche Richtungen zu entlassen. Das ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern das hängt auch von Personen ab. Natürlich wird man den Einsatz erheblich reduzieren. Ich denke, dass es schon ein Bewusstsein gibt, das hinüberzuretten. Martin Baxa, jetzt als Zweiter Bürgermeister zuständig für Kultur, ist ein Mann der Kontinuität, der auch die nötige Durchsetzungskraft haben sollte. Wir auf der bayerischen Seite, die die Pilsener inspirierten und unterstützten, wollen, dass Pilsen diese Anziehungskraft ausüben kann.

Was bleibt gemessen an den Erfahrungen aus Graz und Linz?

Eibauer: Die Kulturhauptstädte sind einbezogen in ein anderes Level des Tourismus. Petr Simon, der für die internationalen Beziehungen von Pilsen 2015 verantwortlich ist, war in vielen Städten unterwegs. Es gibt welche, die es schaffen, diesen Impuls fortzusetzen. Dazu zählen Ruhr 2010 und Linz. Das sind gute Beispiele für Städte und Regionen, denen es gelang, im Konzert der Europäischen Kulturhauptstädte mitzuspielen. Ich denke, dass dies auch in Pilsen gelingt.

Glauben Sie, Pilsen schafft es, für mehr als nur sein Bier wahrgenommen zu werden?

Eibauer: Man kann über das Thema Bier denken, wie man will. Aber wenn die Stadt neben der Kultur auch wegen der Marke Pils wahrgenommen wird, ist das doch vorteilhaft. Hätte Weiden noch immer ungebrochen die Porzellantradition, wäre das ein Pfund, mit dem man wuchern könnte.
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