Jörg Handwerg, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, über Eignungstest, Psychologie und ...
"100 Prozent Schutz wird es nie geben"

Es ist fraglich, in welchem Rahmen hier psychologische Gespräche helfen sollen. Man kann ja nicht jeden Piloten vor jedem Umlauf zu einem psychologischen Gespräch oder Test schicken.
150 Menschen mussten sterben, weil ein Copilot der Germanwings offenbar bewusst den Absturz seines Flugzeugs herbeigeführt hat. Unklar ist bislang das Motiv des Mannes. Fragen nach den psychologischen Eignungstests liegen auf der Hand. Im Interview: Jörg Handwerg, Sprecher und Vorstandsmitglied der Vereinigung Cockpit.

Wir müssen davon ausgehen, dass der 27 Jahre alte Copilot den Absturz der Germanwings-Maschine absichtlich herbeigeführt hat. Welcher Gedanke ist Ihnen dabei zuerst durch den Kopf gegangen?

Handwerg: Das war natürlich nochmal wieder ein neuer Schock, dass so etwas möglich ist, das war bisher so für uns nicht vorstellbar.

Können sich die Airlines wirksam dagegen schützen, dass möglicherweise psychisch instabile Menschen Pilot werden?

Handwerg: 100 Prozent Schutz wird es gegen die Eventualitäten im Leben nie geben. Ein Mensch ist ja nicht ein statisches Wesen, sondern er entwickelt sich dynamisch weiter. Es gab in der Geschichte der Luftfahrt immer wieder mal Fälle, wo es zu Selbstmorden kam. Man muss aber auch sagen, dass der Staatsanwalt davon noch nicht gesprochen hat. Wir müssen den Endbericht abwarten. Es spricht natürlich einiges dafür, dass es hier um einen Menschen, der psychisch krank gewesen ist, gegangen sein könnte.

Welche psychologischen Eignungstests gibt es bei der Lufthansa und halten sie diese für ausreichend?

Handwerg: Die Lufthansa hat einen sehr umfassenden Einstellungstest, der beinhaltet auch eine psychologische Begutachtung. Das ist anerkanntermaßen einer der härtesten Aufnahmetests für Piloten weltweit. Es ist schwer vorzustellen, wie das noch verbessert werden könnte. Man bekommt ja auch nur eine Momentaufnahme eines Menschen.

Wie sieht es im späteren Berufsleben aus?

Handwerg: Bisher haben wir das nicht als Problem der Luftfahrt erlebt, dass sich jemand in solch einer Lage gefühlt hat, so verzweifelt war, dass er meint, er muss sich das Leben nehmen. Solche Fälle sind einfach sehr, sehr selten. Es ist fraglich, in welchem Rahmen hier psychologische Gespräche helfen sollen. Man kann ja nicht jeden Piloten vor jedem Umlauf zu einem psychologischen Gespräch oder Test schicken.

Haben Sie schon mal ein Besatzungsmitglied vom Flug ausgeschlossen?

Handwerg: Ich habe noch nie ein Besatzungsmitglied vom Flug ausgeschlossen. Wir haben in der Regel topfitte Kollegen. Die sind verantwortungsvoll genug, dass sie selber wissen, wann sie Hilfe brauchen. Wir haben ja auch in den letzten Tagen gesehen, dass viele bei der Germanwings gesagt haben, ich kann einen Flugdienst nicht antreten, ich fühle mich so belastet, dass ich die Verantwortung nicht übernehmen kann.

Welchen besonderen Belastungen sind Piloten ausgesetzt, die möglicherweise zu starken psychischen Problemen führen könnten?

Handwerg: Piloten haben häufig Probleme, ihr Sozialleben zu organisieren. Aber das ist ja bei weitem kein Grund, in eine solche Lage zu geraten. Da sind sicherlich Probleme im privaten Bereich maßgeblich. Wenn es im Privatleben sehr viele Probleme gibt mit der Ehe oder Ähnliches, dann kann das zu einer großen Belastung werden.
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