Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden: Mehrheit der Gesellschaft für Respekt ...
"Jeder ist ein Fremder, fast überall"

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Bild: dpa
Seit den blutigen Anschlägen von Paris und Kopenhagen ist das Thema Antisemitismus noch stärker präsent, sagt Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Haben die auch antisemitisch motivierten Anschläge von Paris und Kopenhagen mehr Bewegung in das Thema Rassismus gebracht?

Schuster: Ich denke ja. Die Themen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus sind seit den Anschlägen von Paris und Kopenhagen mehr gegenwärtig in der Gesellschaft allgemein, aber auch in der Politik.

Was hat sich beim Thema Rassismus bereits bewegt?

Schuster: Die Gesellschaft zeigt sich bei Flüchtlingen, die zum Beispiel aus Syrien geflohen sind und hier in Deutschland Asyl suchen, jetzt offener als noch vor einigen Monaten.

Wo sehen Sie noch Defizite?

Schuster: Defizite sehe ich weiterhin im Umgang mit Menschen, die einen Migrationshintergrund haben und aus einem anderen Kulturkreis kommen. Ich glaube, dass sie sich unverändert schwertun, in Deutschland Fuß zu fassen. Ich halte das aber auch nicht für ein rein deutsches Phänomen.

Wen betrifft es noch?

Schuster: Es ist ein weltweit umspannendes Phänomen. Der Spruch "Jeder ist ein Fremder, fast überall" ist ein sehr treffender.

Welche Stellschrauben gibt es, um das Thema in eine positive Richtung zu bewegen?

Schuster: Hier sind die Kirchen und Religionsgemeinschaften genauso gefragt, offen aufeinander zuzugehen, auch über das vielleicht Trennende der Religion hinweg.

Haben Sie das Gefühl, dass das nicht ausreichend gemacht wird?

Schuster: Man kann jedes Thema auch überreizen, so dass die Menschen sagen: "Ich kann es nicht mehr hören." Gerade im Zusammenhang mit den Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag zum Ende des Zweiten Weltkrieges wird immer wieder sehr auf das Verbindende hingearbeitet. Meiner Meinung nach mit gutem Erfolg.

Sie sagten mal in einem Interview, dass Sie davon träumen, dass wir in gegenseitigem Respekt und Toleranz miteinander leben können. Wie weit sind wir davon entfernt?

Schuster: So weit entfernt sind wir davon nicht. Denn die Mehrheit der Gesellschaft sieht das genauso und lebt danach.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat Juden aufgerufen, nach Israel auszuwandern, damit sie in Sicherheit leben können. Wie stehen Sie dazu?

Schuster: Dass ein israelischer Staatspräsident entsprechend dem israelischen Einwanderungsrecht Juden aufruft, nach Israel auszuwandern, ist absolut legitim. Man muss jedoch sagen, dass Israel zwar viel gegen Terrorismus getan hat, letztlich aber man dort vor Terroranschlägen ebenso wenig 100 Prozent sicher ist wie in Deutschland oder anderswo auf der Welt. Ich halte es weiterhin für unproblematisch für Juden, in Deutschland zu leben.
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