Karl Kett (90) wuchs mit sechs Geschwistern im Kirchturm der Pfarrkirche St. Johannes Baptista ...
Wiege im Kirchturm

Kein Zeichen von Erschöpfung: Karl Kett kommt ohne Probleme zu dem kleinen Raum auf den Kirchturm hoch. Das geöffnete Fenster liefert spezielle Erinnerungen an seine Kindheit. Schließlich saß er dort als Fünfjähriger mit seinem kleinen Bruder auf dem Brett und ließ die Füße in die Tiefe baumeln. Bild: Götz
 
Die Pfarrkirche St. Johannes Baptista ist die evangelische Pfarrkirche von Floß und ein Stück Lebensgeschichte von Türmer-Sohn Karl Kett. Die Stufen auf den Kirchturm ist er in seinem Leben schon mehrere Zehntausend Mal hinaufgestiegen. Bild: Götz
Floß. (rti) Die rund 50 Stufen zum Kirchturm sind für Karl Kett kein Problem. Er nimmt die Treppen fast im Laufschritt. Für einen 90-Jährigen ist das eine erstaunliche Leistung. Allerdings kennt keiner den Turm so gut wie er.

Vor einigen Wochen hat Kett zusammen mit Ehefrau Gertrud in seinem geräumigen Haus in Floß seinen 90. Geburtstag gefeiert. Für die Erinnerungsfotos stellten sie sich mit den Gratulanten im Garten auf. Mit viel weniger Platz musste sich der Jubilar als kleiner Junge zufrieden geben. Er wuchs zusammen mit sechs Geschwistern und seinen Eltern Karl und Maria (geborene Lang) im Kirchturm der Pfarrkirche St. Johannes Baptista in Floß auf.

Glockenläuten stört nicht

"Auf dem Turm wurden sieben Kinder geboren. Ich war das erste und bin der einzige, der noch am Leben ist", erklärt Kett, als er die rund 50 Stufen aufsteigt. Plötzlich läuten die Glocken. Für den 90-Jährigen ist das laute Bimmeln aber kein Problem. Er geht unbeeindruckt weiter.

"Das haben wir schon als Kinder fast nicht mehr mitbekommen." Oben angekommen, hört der Senior fast nicht mehr auf zum Erzählen. Immer mehr Erinnerungen sprudeln aus ihm heraus.

Die räumlichen Verhältnisse sind und waren mehr als begrenzt. Der damalige Wohn- und Küchenbereich ist keine 15 Quadratmeter groß. Darüber befand sich noch das Schlafzimmer. Auf dieser Fläche lebte bis 1938 die neunköpfige Familie Kett, da der Vater neben seiner Tätigkeit als Gemeindearbeiter auch der Türmer war.

Seine Aufgaben waren unter anderem das Glockenläuten sowie das Warnen vor Gefahren. Dazu zählten das Melden und Lokalisieren von Bränden. "Die Feuerwehr ist dann immer zu uns gekommen, und wir haben ihr gesagt, wo das Feuer ist", erinnert sich der 90-Jährige.

Stockbett für vier Leute

Jeden Tag mussten die Kinder mit anpacken. Sie mussten Holz für den Ofen sowie zig Wassereimer zum Waschen und Kochen die Treppen hinaufschleppen. "Wir sind täglich mehr als zehn Mal rauf- und runtergerannt." Die ganze Familie schlief oben auf dem Turm. Ein Stockbett teilten sich vier Leute. Statt auf einer Matratze lagen sie auf Stroh.

Mutter Maria kochte auf einem kleinen Holzofen zwei- bis dreimal in der Woche eine Kartoffelsuppe. "Sonntags machte sie meistens 30 bis 40 Spotzn, und es gab ein halbes Pfund Schweinefleisch dazu", erzählt der frühere Brauereifahrer und deutet in die Ecke, in welcher der Ofen stand. Dort lagerte zudem der Topf. Dieser war Wasch- und Kochtopf zugleich.

Zudem wärmte die Mutter hier auch im Winter die Ziegelsteine auf, die in der Nacht als eine Art Wärmflaschen dienten. In einer anderen Ecke war ein ganz kleiner abgeteilter Raum: die Toilette. Dort stand der Nachttopf. "Das 'Haferl' hat unser Vater immer früh hinuntergetragen und ausgeleert."

Füße baumeln lassen

Kett geht zum Fenster. Öffnet es. Für den herrlichen Blick über Floß hat er aber keine Zeit, schließlich fällt ihm noch eine Geschichte ein. "Hier auf dem Brett war ich als Fünfjähriger mit meinem kleinen Bruder gesessen. Wir haben unsere Füße baumeln lassen - rund 50 Meter über den Boden."

Seine Mutter hatte die beiden Buben oben kurz unbeaufsichtigt gelassen, da sie den Vater das Mittagessen brachte. Nach einer sehr einprägsamen Strafe habe er eine solche Aktion nie wieder gewagt.

Allerdings wagt sich Kett weiterhin auf den Kirchturm. Zum Gemeindefest hat er bisher immer Führungen angeboten. Die Teilnehmer müssen aber flott auf den Beinen sein, um dem 90-Jährigen zu folgen.
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