Keine Sekunde ans Töten gedacht

Die Vernehmung eines Augenzeugen bewirkte den Sinneswandel: Der 24-jährige Hauptangeklagte legte im Prozess wegen der Attacke auf einen Asylbewerber ein Teilgeständnis ab. Auch das Versteck der Tatwaffe gab der junge Mann preis.

Ein 43 Jahre alter Fahrgast, der Augenzeuge des brutalen Übergriffs auf dem Bahnhof in Niederlinhart wurde, hatte am vierten Verhandlungstag gegen das Brüderpaar (18 und 24 Jahre) und einen Freund (26) vor der Jugendkammer des Landgerichts Regensburg ausgesagt.

Das Trio wird beschuldigt, im Dezember vergangenen Jahres, einen 18-jährigen Asylbewerber aus Mali mit Fäusten traktiert zu haben. Dabei soll ihn der Hauptangeklagte auch mit einem sogenannten Nothammer mindestens zwei Mal auf den Kopf geschlagen haben. Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung

Im Zeugenstand erzählte der Fahrgast, dass er im gleichen Abteil wie der Geschädigte saß. Am Haltepunkt Niederlinhart sei er durch einen lauten Wortwechsel auf eine Gruppe junger Männer aufmerksam geworden. Kurz darauf hätten drei Männer auf den Asylbewerber eingeprügelt: "Das sah schon nach großer Gewalteinwirkung aus." Er sei deshalb auf die Gruppe zugegangen, worauf das Trio die Flucht ergriff. Der Zeuge habe sich um das Opfer gekümmert, sei mit ihm zur Bahnhofsaufsicht gegangen und habe den Beamten gebeten, die Polizei und den Rettungsdienst zu verständigen.

Keine Identifizierung

Im Sitzungssaal konnte der Zeuge die drei Angeklagten nicht als die Täter identifizieren. Auf Vorhalt von Verteidiger Jörg Sodan musste er einräumen, dass er nur vermute, dass alle drei auf ihr Opfer eingeschlagen haben. Unmittelbar nach der Tat hatte er jedoch der Polizei gegenüber angegeben, dass alle drei dies taten.

Nach einer Unterbrechung gab Verteidiger Sodan für den 24-jährigen eine Erklärung ab. Einleitend betonte er, dass sein Mandant heute nicht mehr wisse, was über ihn gekommen ist. Als er eine SMS von seinem Kumpan erhielt, dass sein Bruder Probleme mit einem "Schwarzen" habe, war er bereits durch den Konsum von Drogen in aggressiver Stimmung.

Ein Anruf bei seinem Bruder habe ihm bestätigt, dass es Probleme mit mehreren Schwarzafrikanern gäbe. Deshalb habe er vorsorglich - im Ärmel seines Pullovers versteckt - den Nothammer mitgenommen. Die Brüder wären dann vom späteren Geschädigten durch obszöne Gesten provoziert worden. Daraufhin habe sein Bruder den Farbigen ein oder zwei Mal mit der Faust geschlagen, er selbst habe ihn mit dem Nothammer zwei Schläge versetzt, um ihn "zu bestrafen". Es sollte nur weh tun, er habe keine Sekunde ans Töten gedacht. Ergänzend fügte Sodan hinzu, müsse die Formulierung in einem SMS "... für Dich töte ich" sinngemäß als "Ich stehe Dir bei" gewertet werden. Ein rassistisches Motiv schloss der Verteidiger aus. Einer Erklärung des Freundes (26) zufolge will dieser am Bahnhof von der Attacke völlig überrascht worden sein. Er sei nur dabei gestanden und habe zugesehen. Wegen seiner offenen Bewährungsstrafe sei er schließlich geflohen.

Problem mit Dolmetscher

Schwierig hingegen gestaltet sich die Vernehmung des Geschädigten (18), der kaum ein Wort Deutsch spricht. Nach einer Rüge der Verteidiger über die Art und Weise der Übersetzung kam es zu einem Disput, worauf die Sitzung unterbrochen wurde. Währenddessen soll der Dolmetscher auf Sodan zugegangen sein und ihm erklärt haben "Dann übersetzen Sie doch weiter, wenn sie es besser können". Zu dessen Mandanten soll er auch geäußert haben "Halts Maul, mit Dir rede ich nicht". Wegen Bedenken gegen die Unvoreingenommenheit des Übersetzers lehnte ihn Sodan ab. Die Strafkammer entschloss sich, den Prozess mit einem anderen Dolmetscher fortzusetzen.
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