"Kirche des Ostens" vor Ende

In den vergangenen Tagen hat die Angst um die Ruinen der antiken Stadt Palmyra in Syrien den Westen aufgeschreckt. Kaum Beachtung findet die Angst der Christen wenige Hundert Kilometer weiter östlich und nördlich. Sie fürchten um ihr Leben - nicht zum ersten Mal.

Die Angriffe der islamistischen Extremisten, die Morde, die Verwüstungen der Kirchen und Klöster erinnern die Christen in Syrien und im Irak an die Massaker vor 100 Jahren. Doch damals wie heute wird ihr Leid kaum wahrgenommen. Das Gedenken in diesen Tagen gilt dem Völkermord an den Armeniern durch die Türken, der 1915 begann. Nur wenige wissen, dass Türken und Kurden zwischen 1915 und 1918 mehr als die Hälfte der Assyrer und Chaldäer ermordeten.

Die wenigen Überlebenden flohen damals aus ihrer Heimat Hakari im Osten der heutigen Türkei nach Süden, in den Irak und nach Syrien. Hier werden sie nun erneut bedroht. Im Irak seit der US-Invasion im Jahr 2003, in Syrien seit Beginn des Bürgerkrieges vor vier Jahren. Viele Assyrer und Chaldäer sagen, der Genozid der vor einem Jahrzehnt im Irak begann, gehe in nun Syrien weiter.

Die alte "Kirche des Osten" steht im Nahen Osten vor der Auslöschung. Dabei war sie einst deutlich größer als die Kirche des Papstes. Ihr Gebiet reichte bis nach Indien, wo bis heute die Thomas-Christen von der einstigen Missionierung durch die "Kirche des Ostens" zeugen. In den wenigen Gemeinden in Syrien und Irak, die nach der Ausbreitung des Islam geblieben waren, wird aramäisch gesprochen. Das Erbe droht nun zu verschwinden. Denn im Exil in den USA, Australien und Europa, wo viele chaldäische und assyrische Christen Zuflucht gefunden haben, stirbt die Sprache.

Christliche Milizen

Zwar haben sich auch in Nordostsyrien wie im Nordirak christliche Milizen formiert. Sie versuchen, die wenigen verbliebenen christlichen Dörfer gegen die Terrormiliz IS zu verteidigen, etwa entlang des Flusses Kharbur im Nordosten Syriens. Dorthin waren die Christen aus dem Irak nach Massakern 1933 geflüchtet.

Doch die christlichen Milizen sind zu schwach. Um zu Überleben sind sie wie immer in den vergangenen Jahrhunderten auf das Wohlwollen und die Unterstützung stärkerer Partner angewiesen. Heute sind dies sowohl im Irak als auch in Syrien die Kurden, die vor 100 Jahren den Türken bei der Vernichtung der Christen halfen. Allerdings wurde die Kurden später selbst Opfer, was sie offensichtlich umdenken ließ.

Kaum besser sieht es in Aleppo aus - eine syrische Stadt mit einer einsmals lebendigen christlichen Gemeinschaft. "Ursprünglich gab es in Aleppo 150 000 Christen. Davon sind jetzt so um die zwei Drittel gegangen, es bleibt also ein Drittel, vielleicht 50 000 Menschen - ich weiß es nicht genau", klagt der chaldäisch-katholische Bischof von Aleppo Antoine Audo. "Es gibt jedenfalls bei uns keine Kraft mehr zum Dableiben, Durchhalten, Widerstehen." Audo, der auch Präsident der syrischen Caritas ist, macht im Interview mit Radio Vatikan deutlich, dass der Krieg das Christentum in Syrien bedroht. Der Bischof fürchtet, dass in seinem Land das Gleiche geschieht, wie im Irak.

Heimatlose Flüchtlinge

Dort sind vor knapp einem Jahr die Christen durch die Terrormiliz IS aus Mossul und der Ninive-Ebene vertrieben worden. Als Heimatlose leben sie im kurdischen Gebiet im Nordirak. Ihre Hoffnung auf eine Rückkehr ist verschwunden.
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