Kirchengeschichtler Ulrich W. Lehner beleuchtet die Praxis in der Orden im 17. und 18. ...
Gewalt und Strafe im Kloster

Das Thema ist brisant: Es geht um klösterliche Strafjustiz, um die Frage, wie Klöster mit Ordensleuten umgingen, die wegen unterschiedlichster Vergehen als "Kriminelle" angesehen wurden. In der Allgemeinheit, aber selbst unter Fachhistorikern sind klösterliche Kriminalprozesse und Gefängnisse nur wenig bekannt, allenfalls vernachlässigte Phänomene, die keiner differenzierten Betrachtung bedürfen.

Mit wissenschaftlicher Akribie hat nun der aus Niederbayern stammende, in den Vereinigten Staaten lehrende Professor für Theologie- und Kirchengeschichte Ulrich W. Lehner "ein verdrängtes Kapitel Kirchengeschichte" aufgeschlagen und fern jeder Sensationshascherei eine dunkle Seite des frühneuzeitlichen Klosterlebens beleuchtet. Eine Vielzahl gedruckter Quellen und reichhaltiges, in nahezu 20 Institutionen ausgehobenes Archivmaterial bilden die Grundlage einer faktenreichen Studie, die sich auf den deutschsprachigen Bereich im 17. und 18. Jahrhundert konzentriert.

Sorgfältig wird das ausgeklügelte Rechts- und Strafsystem rekonstruiert, das viele Ordensgemeinschaften entwickelten. Der Blick richtet sich auf klösterliche Kriminalprozesse, auf Verfahrensregeln und Disziplinierungsmaßnahmen, auf die teilweise drakonischen, ja unmenschlichen Vorgehensweisen, auf Folter und Kerkerhaft. Der Klosterkerker, lateinisch "carcer" oder "ergastulum", war Verwahrungs- und Vollzugsort für "kriminelle" Mönche oder Nonnen, die wegen schwerwiegender Verfehlungen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden, manchmal auf Zeit, aber manchmal auch auf Lebenszeit. Der Insasse war schweren Buß- und Fastenpflichten, oft auch körperlicher Züchtigung unterworfen. Dabei wurde der Gefangene ermahnt, wie zumindest ein Fall belegt ist, sein Schicksal in Demut anzunehmen und die Bedrängnisse im Kerker als irdisches Fegefeuer und damit als letzte Möglichkeit seiner Erlösung im Jenseits zu betrachten.

Das Spektrum, was als sündhaftes Verhalten angesehen wurde, war breit. Als schwere Vergehen galten ein Fluchtversuch aus dem Kloster, ebenso - oft detailliert dokumentierter - Kindesmissbrauch, homosexuelle Handlungen (bei denen der Zölibat auf dem Spiel stand), und gleichermaßen Vergehen gegen Klosterhierarchien oder Ordens- und Kirchenregeln. So wurde etwa 1721 ein Bamberger Kapuzinerpater eingesperrt, weil er das Finanzgebaren seiner Brüder in Frage stellte und an das Armutsideal des Ordensgründers Franziskus erinnerte; und in Memmingen saß 1766 ein Augustiner im Kerker, weil er gewagt hatte, dem Prior in der Frage der päpstlichen Unfehlbarkeit zu widersprechen.

Kundig führt Ulrich W. Lehner in das Feld des klösterlichen Strafrechts ein, das einen Teil der Klosterwelt im 17. und 18. Jahrhunderts ausmachte. Das Buch eröffnet einen vielschichtigen Blick auf diese "Realität monastischen Lebens" und ist gleichzeitig ein Wegbegleiter zu neuen Fragestellungen, um ein lebensnahes Bild der Klosterkultur zu erhalten.

___

Ulrich W. Lehner, Mönche und Nonnen im Klosterkerker. Ein verdrängtes Kapitel Kirchengeschichte, Kevelaer: Verlagsgemeinschaft topos plus, 2015, 9,95 Euro
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2015 (8435)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.