Klartext in Berlin: Es war Völkermord

Kerzen stehen in Form der Jahreszahl 1915 beim "Lichterzug der Vergessenen" vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Bereits am Donnerstagabend wurde in Berlin an die Massaker an den Armeniern erinnert. Bild: dpa

Lange wurde gestritten, ob der Bundestag die Massaker an den Armeniern als Völkermord bezeichnen soll. Jetzt sprechen Redner aller Parteien von Genozid. Mit Spannung wird auf die Reaktion aus Ankara gewartet.

Trotz drohenden Streits mit der Türkei haben Politiker aller Bundestagsfraktionen die Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren als Völkermord bezeichnet. "Das, was mitten im Ersten Weltkrieg im Osmanischen Reich stattgefunden hat, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, war ein Völkermord", sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) am Freitag im Parlament. Redner aller Fraktionen teilten diese Einschätzung. Lammert bekannte sich auch klar zur deutschen Mitverantwortung am damaligen Geschehen. Das Deutsche Kaiserreich war Verbündeter des Osmanischen Reichs. "Die heutige Regierung in der Türkei ist nicht verantwortlich für das, was vor 100 Jahren geschah. Aber sie ist mitverantwortlich für das, was daraus wird." Die Kaukasusrepublik Armenien gedachte mit Kremlchef Wladimir Putin und dem französischen Präsidenten François Hollande der Gräuel. Die armenische Kirche sprach Hunderttausende Opfer kollektiv heilig und erhob sie zu Märtyrern. Die Bundesregierung rief zum 100. Jahrestag der Vertreibung und der Massaker an bis zu 1,5 Millionen Armeniern durch das Osmanische Reich die Türkei und Armenien zur Versöhnung auf. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, Deutschland wolle beide Seiten bei der Annäherung unterstützen. Mit der Debatte verabschiedete sich die deutsche Politik von der verbreiteten Praxis, den Begriff Völkermord aus Rücksicht auf die Türkei zu vermeiden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) verfolgten die Aussprache, meldeten sich aber nicht zu Wort. Noch vor der Sommerpause will der Bundestag eine Erklärung zu den Gräueltaten verabschieden.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach den Nachfahren der Opfer sein Beileid aus. "An diesem Tag, der für unsere armenischen Bürger eine besondere Bedeutung hat, gedenke ich aller Osmanischen Armenier mit Respekt, die unter den Bedingungen des Ersten Weltkrieges ihr Leben verloren haben", erklärte er. "Ich spreche ihren Kindern und Enkeln mein Beileid aus." (Kommentar)
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