Klinikleiter Michael Melter über traumatisierte Flüchtlingskinder und deutschen Perfektionismus
"Sie haben vier Stunden nur gebrüllt"

Während die Politik noch um den richtigen Kurs ringt, sind Hilfskräfte, Sozialpädagogen und medizinisches Personal tagtäglich mit den Sorgen und Nöten der ankommenden Flüchtlinge konfrontiert. Der Regensburger Kinderklinikleiter Professor Michael Melter wünscht sich im Regensburger Presseclub bei der Suche nach praktischen Lösungen manchmal etwas weniger deutschen Perfektionismus.

Mit schweren Krankheiten und Leid kennt sich Melter als Chefarzt der Kinder-Uniklinik Ostbayern (Kuno) in Regensburg aus. Neu ist die Art der Schicksale, die der Flüchtlingsstrom ihm ins Haus bringt. Etwa der Fall dieser fünfköpfigen Flüchtlingsfamilie: Die Tochter verstirbt auf der Flucht, die Mutter liegt todkrank in der Türkei, der Vater schafft es mit den beiden Söhnen, einer davon schwer behindert, nach Deutschland. Der Vater landet mit Tuberkulose im Krankenhaus. Die Söhne, acht und fünf Jahre alt, werden per Taxi in die Kuno-Kinderstation in der Klinik St. Hedwig gebracht, weil man nicht weiß, wo sie sonst hin sollen. Dort sind die beiden Jungen umringt von Menschen in weißen Kitteln, die eine für sie fremde Sprache sprechen. "Sie haben erst mal vier Stunden nur gebrüllt", berichtet Melter. "Das war nicht posttraumatisch, das war mittendrin." Als man versuchte, den Vater in dem anderen Krankenhaus zu kontaktieren, hieß es dort, das sei nicht möglich, er habe ja kein Telefon beantragt.

"Kümmerer" fehlen

Es sind solche Fälle, die Melter an der Funktionsfähigkeit der vorhandenen Strukturen zweifeln lassen. Zwar unterschreibt er das Merkelsche "Wir schaffen das". Die medizinische Versorgung, die Überwindung der Sprachbarriere, die personellen und räumlichen Kapazitäten, die kulturellen Unterschiede, das bekomme man schon in den Griff. Doch was Melter wirklich fehlt, sind Andockstationen, Querverbindungen, "Kümmerer", wie er es nennt, die auch mal eine Familienzusammenführung regeln. Er wünscht sich eine Kontaktperson, die er anrufen kann, wenn er ein Kind behandelt hat und im Anschluss jemand darauf aufpassen muss, dass das Kind noch zehn Tage bestimmte Medikamente einnimmt. Zusätzlich schwebt ihm eine Art Gesundheitspass vor, auf dem die Daten des Patienten für den nächsten behandelten Arzt hinterlegt sind.

Platz in Reha-Einrichtungen

Praktische Lösungen sind für den Mediziner das Gebot der Stunde. "Ein Problem ist unser hoher Standard. Wir haben ein viel zu ausgefeiltes System auch für Banalitäten", sagt er. Warum das Flüchtlingskind, das drei Mal hustet, in die höchste Stufe der medizinischen Versorgung einschleusen? Warum nicht Platz für die Behandlung von Flüchtlingen in im Winter fast leer stehenden Reha-Einrichtungen schaffen? Der deutsche Perfektionismus stehe solchen Lösungen leider oft genug im Weg, bedauert Melter.
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