Kommentar von Alexander Pausch
Flucht aus der Verantwortung

Wer im August 2013, wenige Wochen vor dem Abzug der Bundeswehr aus Kundus, in Nordafghanistan war, konnte hören, wie sehr sich die deutschen Soldaten um das Schicksal der einheimischen Übersetzer sorgten. Besonders jene, die tagtäglich auf Patrouille waren, wussten, wie sehr die Dolmetscher wegen ihrer Arbeit bedroht wurden. Bei vielen herrschte Unmut über das bürokratische Verfahren, mit dem geprüft wurde, ob Übersetzer gefährdet sind und ein Visum für Deutschland bekommen sollten.

Noch heute drängt sich der Eindruck auf, es hätte nicht zu den Erfolgsmeldungen gepasst, mit denen von der Bundesregierung der Abzug aus Kundus gerechtfertigt wurde. Hunderte Visa für Schutzbedürftige hätten die Aussage, in Kundus herrsche Sicherheit und Stabilität, widerlegt. Den Preis zahlen die Familien der Übersetzer. Sie werden von den Taliban bedroht. So wie die Angehörigen des 24-Jährigen, der in Amberg ein neues Zuhause gefunden hat.

Der junge Afghane, der in einer Wohngruppe für minderjährige Flüchtlinge im Kreis Amberg-Sulzbach arbeitet, verweist zu Recht darauf, dass die deutsche Politik nicht stimmig ist. Einerseits nimmt das Land Zehntausende Kriegsflüchtlinge aus Syrien auf. Bei den Afghanen aber, die als Übersetzer für die Bundeswehr gearbeitet haben, wird nur der Kernfamilie Schutz gewährt. Zu dieser zählen Frau und Kind, aber nicht Eltern und Geschwister. Mit dieser Politik stiehlt sich Deutschland aus der Verantwortung. Beschämend.

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