Konflikttraining, Hausaufgabenhilfe und Ferienbetreuung mit Jugendsozialarbeitern
Segensreiche Sozialarbeit

Symbolbild: dpa
Neustadt/WN. (phs) Morddrohungen gegen Lehrer, satanistische Umtriebe, Zerstörungswut im Klassenzimmer, Heerscharen an Schulschwänzern und die Polizei als Stammgast. In den 1990er Jahren Alltag an der Grafenwöhrer Hauptschule. Dann setzte Rektor Gerhard Götzl einen genialen Plan in die Tat um.

Der Schulleiter beantragte 1999 beim Sozialministerium in München eine Stelle für einen Jugendsozialarbeiter. So etwas hatte bis dato nur die Max-Reger-Schule in Weiden. 2001 bekam Götzl den ersten Schulsozialpädagogen im Landkreis. 14 Jahre später, zog er am Dienstag im Jugendhilfeausschuss Bilanz: An der Mittelschule Grafenwöhr gibt es kaum mehr Gewalt und Zerstörung, Eltern und Schüler suchen bei Problemen das Gespräch.

Bis es soweit war, musste Götzl auch Enttäuschungen einstecken. Der allererste Jugendsozialarbeiter entpuppte sich als unfähig, dann versickerte die Anschlussförderung und gelöste Probleme traten plötzlich verschärft zutage.

Persönlichkeit entscheidet

Doch ab 2002 häuften sich die Glücksfälle bei der Stellenbesetzung. "Petra Rex war sieben Jahre bei uns. Die hatte Erfahrung aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel. Sie hat wunderbare Arbeit geleistet." Personalwechsel bereiteten der Schulleitung aber öfter Kopfzerbrechen. "Erfahrene Leute gehen, und der nächste Bewerber kommt frisch von der Uni." Heute arbeitet Katharina Groß in Grafenwöhr. Götzl hält viel von ihr. "Sie kommt aus der Region und kennt die Verhältnisse. Ein enormer Vorteil."

Denn Grafenwöhrer Besonderheiten samt dem Truppenübungsplatz machen es Pädagogen nicht einfach. Die Stadt registriert pro Jahr 700 bis 800 Hin- und Wegzüge mit allen Problemen, die sich für Kinder daraus ergeben. Überproportional viele Familien sind nicht vollständig, überdurchschnittlich viele Eltern beruflich nicht besonders qualifiziert, und auffallend viele Kinder blieben der Schule fern oder waren als aggressiv bekannt.

Die Sozialarbeiter haben am Nachmittag dort angesetzt, wo die Lehrer aufhören mussten. "Man hat den Kindern den Mangel an persönlicher Zuwendung angemerkt." Konflikttraining, Hausaufgabenhilfe und Ferienbetreuung haben den Tagen vieler Schüler Struktur gegeben.

Es könnte aber noch besser gehen, ist Götzl überzeugt: "Wir fangen zu spät an. In der 7. Klasse bekämpfen wir Symptome, wir müssten bei Zweitklässlern beginnen." Denn die halbstarken Rabauken mit 14 und 15 Jahren habe die Schule ganz gut im Griff. Götzl wünscht sich daher, dass das bayerische Sozialministerium Jugendsozialarbeit an Grundschulen leichter fördert. "Das geht erst ab 20 Prozent Migrantenanteil. Grafenwöhr liegt ganz knapp drunter", bedauert Jugendamtsleiter Klaus Egelseer, der Götzl unterstützt.

Öffentlichkeit suchen

Die Zahlen des Schulleiters sind eindeutig. 2011 hielten sich die Erstkontakte zur Sozialpädagogin an der Mittelschule und an der Grundschule fast die Waage (21:19). In 48 Prozent der Fälle stecken familiäre Probleme dahinter, bei 20 Prozent schulische. 40 Prozent betreffen Alleinerziehende. Was Götzl freut: Immer mehr Eltern kommen von sich aus auf die Sozialpädagogin zu. "Als wir anfingen, war kaum einer bereit, die eigene Hilflosigkeit zuzugeben."

Mit intensivem Marketing in eigener Sache hat es der Schulleiter geschafft, die Sozialarbeit in der Stadt positiv zu verankern. Dazu hat die Schule 2003 ein Projekt namens "Grafenwöhr wächst zusammen" gestartet. Schüler und Eltern aus 17 Nationen haben an zwei Tagen in allen Vierteln Musik gemacht, Spezialitäten aus ihrem Herkunftsland gekocht und ihre Heimat in Bildern oder bei Spielen vorgestellt. Auch bei alteingesessenen Grafenwöhrern war Überzeugungsarbeit gefragt. "Die haben bei Problemen immer an Ausländer gedacht. Das ist falsch."

Gut, dass andere mitgezogen haben. Hätte der Freistaat nicht gefördert, hätte sich der Stadtrat damals bereit erklärt, 120.000 Mark Personalkosten zu bezahlen. "Die haben nachgerechnet, dass es billiger kommt, wenn der Stadt später nur ein Sozialhilfeempfänger erspart bleibt." Ganz wichtig war auch, dass die Lehrer die Sozialpädagogen als gleichberechtigte Partner akzeptiert haben. "Sonst funktioniert es nicht." Der Sozialarbeiter ist bei Elternabenden dabei, berichtet dem Stadtrat regelmäßig und bietet den Familien Schweigepflicht an. "Sie brauchen diesen Botschafter nach außen."

Götzl will kein Kind aufgeben. Ihm sitzen noch persönliche Tragödien im Nacken, berichtete er dem Ausschuss: Ein früherer Schüler hat sich vor einigen Jahren nach einem verpfuschten Leben mit Raubüberfällen und Gefängnis ganz in der Nähe der Schule umgebracht.

ÖDP-Kreisrätin Rita Wiesend nahm Götzls Vortrag zum Anlass, von Bund und Land ein Umdenken in der Familienpolitik zu fordern. Dort, wo die Mutter zu Hause sei, habe das Kind Halt und Zuwendung. Dafür solle der Staat etwas tun.
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